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Ägydius
Cernunnos-Erbe und Mütter-Heros - 1. September

Hl. Ägydius mit Hirschkuh,
Master of St. Gilles, c. 1500

National Gallery London
 

Ägydius zeigt mit der ihn nährenden Hirschkuh, einem Symbol der Großen Muttergöttin, an diversen alten Kultplätzen seinen Anspruch auf mythologische Cernunnos-Nachfolge. So ist es natürlich kein Zufall, dass der Schutzpatron der Kirche von St. Gilgen am Wolfgang- oder Abersee im heimischen Salzkammergut eben der Heilige Ägydius vulgo Gilg ist. Er weist mit seinem Patronat bis heute darauf hin, worum es auf und unter dem benachbarten Falkenstein, einem Wallfahrtszentrum seit Urzeiten, vor allem ging, um das fruchtbare Geheimnis des Lebens und der (Wieder-) Geburt.

Ägydius ist ausgewiesener ostalpiner Nothelfer gegen Unfruchtbarkeit und für Kindersegen, „getaufter” Nachfahr bzw. „Ersatz” des hirschgehörnten keltischen Muttergöttinnen-Heros Cernunnos, den seine Muttergöttin jährlich zu Imbolc per Coitus in seine Sommergestalt Esus verwandelt hatte. In der Fürbergbucht zwischen St. Gilgen und dem Falkenstein wurde dies derart drastisch nachgestellt, dass noch heute die Sage von diesem Ritual der „Heiligen Hochzeit” berichtet.

Außerhalb der Ostalpen setzt die fromme Legende auf einen weitgereisten Mann, der angeblich im 7. Jahrhundert im fernen Athen geboren worden sein soll. Von dort sei der brave Christ in die Provence gereist. Nicht, um hier das süße Leben zu genießen, sondern um sich als Einsiedler zurückzuziehen und von der Milch einer ebenso frommen Hirschkuh ernährt zu werden. Ein Westgotenkönig namens Wamba hätte ihm zwar im Jagdeifer fast seine Ernährerin weggeschossen. Doch traf der Pfeil statt dessen den Eremiten selbst, der dafür zur „Sühne” von Wamba die Erlaubnis bekam, sich seine eigene Abtei St. Gilles zu gründen.

Vom Märchenkönig Wamba zur Mutter-Ziegengöttin
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Neben dem Fürst von Nimes, dem St. Gilles en passant den Sohn zu neuem Leben erweckte, soll sich auch der große Mörder, Kriegsverbrecher und Frankenhäuptling Karl „um die Fürbitten Ägydius” bemüht haben. Für dieses kanonisierte Scheusal hinterlegte danach sogar ein Engel höchstpersönlich eine schriftliche Sünden-vergebung, die dann jemand dem Kaiser vorgelesen haben muss, der ja selbst Analphabet war. St. Gilles kann es allerdings nicht gewesen sein, da der nämlich zu Karls blutigen Lebzeiten schon tot gewesen sein muss! Was aber andererseits auch nicht viel ausmacht, da der Nothelfer und Patron der stillenden Mütter – nicht Hirschkühe! – Ägydius, der heilige Beschützer, vermutlich gar nie wirklich gelebt hat – was allerdings die (Gut-) Gläubigen nicht daran hinderte, ab dem 11. Jahrhundert „sein” Kloster St. Gilles per riesigen Wallfahrten zu „stürmen”!

Was übrigens die Bedeutung seines Namens betrifft, steckt hinter Ägydius kein wie immer gearteter krass fehlübersetzter „Schildträger”! Ägydius kommt vom griechischen Aigidios. Dieses Wort bezeichnet ein Ziegenkitz! Und über die damit angesprochene Symbolik ist die endgültige Entschlüsselung des Heiligen „nicht schwer”! Ägydios oder Ägydius ist ganz einfach der mythologische Nachfahr des Heros einer Hirten-Muttergöttin, deren anschauliches Symbol garantiert eine prächtige Ziege mit prallen Eutern gewesen ist. Seit der Steinzeit hatten sich die Menschen Bilder von ihren Urmutter- und Schutzgöttinnen gemacht, die durch milchspendende Muttertiere wie Hirschkuh, Rind, Schaf und Ziege symbolisiert wurden. Als sich diesen männliche Heroen zugesellen konnten, geschah dies in der Bildsprache zuerst mit Hilfe von Kälbchen bzw. jungen Schaf- und Ziegenböcken (Widder). In der Ägydius-Legende mutiert die Mutter allerdings weiter als der – hierzulande namentlich unverstandene – Sohn.


  Kurzsteckbrief: Hl. Ägydius ^
Namenvarianten:   Egid, Gilles, Gilg, Ilg, Till
Festtermin:   1. September
Namensdeutung:   Heilbringer, Beschützer
Symbole:   Hirschkuh, Pfeil
Mythol. Funktion:   Nothelfer für Kindersegen, Patron der stillenden Mütter, Patron gg. Epilepsie, Feuer-, Sünder-, Vieh-, Wetterpatron, Grazer Stadtpatron
Parallelen zu:   Cernunnos, Bartholomäus, Faunus, Georg, Vitus
Zugeh. Bethe(n):   Ambeth/Margaretha, Borbeth/Barbara
Verehrungsorte:   St.Gilles, Altaussee, Bad Reichenhall, Gilgenberg, Graz, Lauterbach, Nürnberg, St.Ägid/Ybbstal, St.Gilgen, Steuerberg (K) ...
Alpine Verbreitg.:   Beginn des 14. Jh. > Nothelfer

 

Web-Tipps:

Gemeinde St.Gilgen
Wolfgangseeschifffahrt
Romanik in der Provence - St.Gilles

Abb. li.: St. Gilgen, Brunnwinkel


> Buchtipps:     ^
Georg Rohrecker, Kelten - Götter - Heilige   Georg Rohrecker
Kelten - Götter - Heilige

Mythologie der Ostalpen
Wien (Pichler) 2007
 
       
  Erich Hackl
König Wamba

Ein Märchen
Mit Zeichnungen von Paul Flora

Zürich (Diogenes) 2000
 

© Georg Rohrecker

Update: 08.09.2009