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> Ägydius
Ägydius
Cernunnos-Erbe und Mütter-Heros
- 1. September
Ägydius
zeigt mit der ihn nährenden Hirschkuh,
einem Symbol der Großen Muttergöttin, an diversen alten Kultplätzen
seinen Anspruch auf mythologische Cernunnos-Nachfolge.
So ist es natürlich kein Zufall, dass der Schutzpatron der Kirche
von St. Gilgen am Wolfgang- oder Abersee im heimischen
Salzkammergut eben der Heilige Ägydius vulgo Gilg ist. Er weist
mit seinem Patronat bis heute darauf hin, worum es auf und unter dem
benachbarten Falkenstein,
einem Wallfahrtszentrum seit Urzeiten, vor allem ging, um das fruchtbare
Geheimnis des Lebens und der (Wieder-) Geburt.
Ägydius ist ausgewiesener ostalpiner Nothelfer
gegen Unfruchtbarkeit und für Kindersegen,
„getaufter” Nachfahr bzw. „Ersatz” des hirschgehörnten
keltischen Muttergöttinnen-Heros Cernunnos, den
seine Muttergöttin jährlich zu Imbolc
per Coitus in seine Sommergestalt Esus verwandelt hatte.
In der Fürbergbucht zwischen St. Gilgen und dem Falkenstein wurde
dies derart drastisch nachgestellt, dass noch heute die Sage
von diesem Ritual der „Heiligen Hochzeit”
berichtet.
Außerhalb der Ostalpen setzt die fromme Legende auf einen weitgereisten
Mann, der angeblich im 7. Jahrhundert im fernen Athen
geboren worden sein soll. Von dort sei der brave Christ in die Provence
gereist. Nicht, um hier das süße Leben zu genießen,
sondern um sich als Einsiedler zurückzuziehen und von der Milch
einer ebenso frommen Hirschkuh ernährt zu werden.
Ein Westgotenkönig namens Wamba hätte ihm zwar im Jagdeifer
fast seine Ernährerin weggeschossen. Doch traf der Pfeil statt
dessen den Eremiten selbst, der dafür zur „Sühne”
von Wamba die Erlaubnis bekam, sich seine eigene Abtei St. Gilles
zu gründen.
| Vom
Märchenkönig Wamba zur Mutter-Ziegengöttin |
|
Neben
dem Fürst von Nimes, dem St. Gilles en passant den Sohn zu neuem
Leben erweckte, soll sich auch der große Mörder, Kriegsverbrecher
und Frankenhäuptling Karl „um die Fürbitten
Ägydius” bemüht haben. Für dieses kanonisierte
Scheusal hinterlegte danach sogar ein Engel höchstpersönlich
eine schriftliche Sünden-vergebung, die dann jemand dem Kaiser
vorgelesen haben muss, der ja selbst Analphabet war. St. Gilles kann
es allerdings nicht gewesen sein, da der nämlich zu Karls blutigen
Lebzeiten schon tot gewesen sein muss! Was aber andererseits auch nicht
viel ausmacht, da der Nothelfer und Patron der stillenden Mütter
– nicht Hirschkühe! – Ägydius, der heilige Beschützer,
vermutlich gar nie wirklich gelebt hat – was allerdings die (Gut-)
Gläubigen nicht daran hinderte, ab dem 11. Jahrhundert „sein”
Kloster
St. Gilles per riesigen Wallfahrten zu „stürmen”!
Was übrigens die Bedeutung seines Namens betrifft,
steckt hinter Ägydius kein wie immer gearteter
krass fehlübersetzter „Schildträger”! Ägydius kommt vom griechischen
Aigidios. Dieses Wort bezeichnet ein Ziegenkitz!
Und über die damit angesprochene Symbolik ist die endgültige Entschlüsselung
des Heiligen „nicht schwer”! Ägydios oder Ägydius
ist ganz einfach der mythologische Nachfahr des Heros einer
Hirten-Muttergöttin, deren anschauliches
Symbol garantiert eine prächtige Ziege mit prallen Eutern gewesen
ist. Seit der Steinzeit hatten sich die Menschen Bilder von ihren Urmutter-
und Schutzgöttinnen gemacht, die durch
milchspendende Muttertiere wie Hirschkuh, Rind,
Schaf und Ziege symbolisiert wurden.
Als sich diesen männliche Heroen zugesellen konnten, geschah dies
in der Bildsprache zuerst mit Hilfe von Kälbchen bzw. jungen Schaf-
und Ziegenböcken (Widder). In der Ägydius-Legende
mutiert die Mutter allerdings weiter als der – hierzulande namentlich
unverstandene – Sohn.
| |
Kurzsteckbrief:
Hl. Ägydius |
^ |
| Namenvarianten: |
|
Egid, Gilles, Gilg,
Ilg, Till |
| Festtermin: |
|
1.
September |
| Namensdeutung: |
|
Heilbringer,
Beschützer |
| Symbole: |
|
Hirschkuh,
Pfeil |
| Mythol.
Funktion: |
|
Nothelfer
für Kindersegen, Patron der stillenden Mütter, Patron
gg. Epilepsie, Feuer-, Sünder-, Vieh-, Wetterpatron, Grazer
Stadtpatron |
| Parallelen
zu: |
|
Cernunnos, Bartholomäus,
Faunus, Georg, Vitus |
| Zugeh.
Bethe(n): |
|
Ambeth/Margaretha,
Borbeth/Barbara |
|
Verehrungsorte: |
|
St.Gilles,
Altaussee, Bad Reichenhall, Gilgenberg, Graz, Lauterbach, Nürnberg,
St.Ägid/Ybbstal, St.Gilgen, Steuerberg (K) ... |
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Alpine Verbreitg.: |
|
Beginn
des 14. Jh. > Nothelfer |
| >
Buchtipps: |
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Georg
Rohrecker
Kelten - Götter - Heilige
Mythologie
der Ostalpen
Wien (Pichler)
2007 |
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|
Erich
Hackl
König Wamba
Ein
Märchen
Mit Zeichnungen von Paul Flora
Zürich (Diogenes)
2000 |
|
©
Georg Rohrecker
Update:
08.09.2009

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