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Afra
Afra
Die getaufte
Aphrodite der kelt. Vindeliker –
5./7. August
Afras
Martyrium
Schedelsche Weltchronik
Nürnberg 1493 |
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Wären
alle Heiligen so einfach als ehemalige Kelten-Göttinnen zu enttarnen,
könnten wir uns unsere „Nachhilfe-Seiten” sparen! Die
Augsburger Stadtpatronin Afra macht es uns diesbezüglich
besonders leicht. Doch beginnen wir zuerst mit ihrer Heiligen-Legende.
Nach der soll Afra entweder als Prinzessin selbst in Zypern
geboren worden sein, oder in Augsburg als Tochter eines zypriotischen
Königspaares. In Augsburg, das damals - nach dem
römischen Imperator Augustus und dem unterworfenen keltischen „Stamm”
der Vindeliker - Augusta Vindelicorum
genannt wurde, soll Afra jedenfalls Ende des 3. nachchristlichen Jahrhunderts
zusammen mit ihrer Mutter Hilaria und drei(!) jungen
Frauen ein Bordell eröffnet haben. (So die christliche
Legende!)
Just in dieses Freudenhaus flohen – aus welchen Gründen immer
(und das gläubige Volk war ja der Geografie nicht mächtig)
– die beiden spanischen Kleriker Narcissus, Bischof
von Gerona (Girona, Nordostspanien) und Felix, sein
Diakon und Gefährte. Und weil die neuen Pensionsgäste so schön
beten konnten, dass sie bei den Dienerinnen der Venus
während ihres Aufenthaltes immer mächtigeren Eindruck geschunden
hatten, ließen sich die Hausdamen schließlich allesamt von
Narcissus höchstpersönlich „taufen”!
(So die Legende.) Damit zuletzt die neue Gemeinde ein angemessenes Oberhaupt
hatte, weihte der rührige Spanier auch noch Afras zypriotischen
Onkel Dionysius zum ersten Augsburger Bischof.
Nach getaner Arbeit kehrten die iberischen Kleriker in ihre Heimat zurück,
um dort im Namen Diocletians, des großen Heiligenvermehrers,
stilvoll gemartert und dafür in die katholische Heiligenschar aufgenommen
zu werden, während Afra und Mitarbeiterinnen in Augsburg das gleiche
Los winkte, weil sie zum Missfallen der antiken Augsburger als nun überzeugte
Christinnen auf Venus/Aphrodite pfiffen und ihr (offensichtlich
international bekanntes) Bordell schlossen. Im Jahre 304
nach Christus soll es schließlich gewesen sein, dass Afra,
Patronin der Prostituierten, der Heilkräuter, Seelengeleiterin
und Feuer-Beschützerin, auf einer Insel im Lech von den
Römern wie eine Hexe verbrannt worden ist und
damit den obligat heiligmachenden MärtyrerInnen-Tod starb. Mutter
Hilaria wurde samt Personal und Stammkundschaft mit dem Bordell niedergebrannt.
Zu dick aufgetragen? Nicht von uns! Also der Reihe nach – unter
Einschluss der Kelten: Die keltischen Vindeliker leiteten
ihren Namen, wie alle Kelten, von regionalen Muttergottheiten ab, die
in erster Linie auch den größeren Gewässern ihre Namen
gaben. Was die alten Vindeliker betrifft, werden wir zwischen Wertach
und Lech fündig, die im heutigen Augsburg ineinander fließen.
Die Wertach soll vorher Vinda (Uinda
– vgl. Vindo-/Uindobona)
geheißen haben, nach einer neolithischen („Rinder”-)
Göttin, und der Lech Licus bzw. Lica
oder Liza, nach der Schutzgöttin Lik(a)
der an den Ufern des Flusses ansässigen vindelischen Likatier.
| Keltisches
Kultzentrum zwischen Wertach und Lech |
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Wo
diese beiden Flüsse zusammen fließen, sich vereinigen, war
natürlich in keltischer Zeit kein „Niemandsland”, sondern
ein Heiliger Ort, ein kultisches Zentrum,
das nach den Randnotizen einer im 12. Jahrhundert im nahen Doppelkloster
(Mönche & Nonnen) Ursberg entstandenen Schrift
„Excerptum ex Gallica Historia” angeblich
Cisaris hieß, nach einer Göttin (Dea)
Ciza – oder vielleicht doch Lica
bzw. Lis(s)a. Den regionalen Namen der Göttin(nen) kennen wir nicht,
wohl aber ihre mythologische Bedeutung, die zur Zeit
der römischen Besatzung ebenso beibehalten wurde wie nach der zwangsweisen
Christianisierung im 4. Jahrhundert. Und Afra weist uns samt legendärem
Anhang den Weg.
Afras „Biografie” ist eindeutig! Wenn in der Antike eine
Göttin mit Zypern in Ver-bindung gebracht wurde,
war dies Aphrodite/Astarte, die Göttin des östlichen
Mittelmeeres, die angeblich vor Zypern schaumgeborene (aphros,
gr. für Schaum) vorderasiatische Göttin der Fruchtbarkeit
und körperlichen Liebe, welche die Griechen später
in ihren Olymp integrierten und die Römern noch später mit
ihrer Venus gleichsetzten. Der Name Afra
kommt also schlicht von Aphrodite!

Geburt
der Aphrodite,
Griechisches Relief (Ludovisischer Thron), c. 470-460 v.Chr., Thermenmuseum
Rom
Vor den Römern war zwischen Wertach und Lech
der (Kult-) Platz einer keltischen Dreifachen Mutter- und Fruchtbarkeits-Göttin
nach Art einer Rigani oder Morigan
bzw. der Drei Bethen,
die noch relativ deutlich in der Heiligen Afra und ihrem Umfeld zu erkennen
ist. Der Name der legendären „Mutter” Afras, Hilaria,
bringt eine dritte keltische (Fluss-) Göttin ins
Spiel: Ilara, die der Iller (von den
Römern Hilaria genannt) ihren Namen gab, die –
aus den Ostalpen kommend und über weite Strecken die heutige Grenze
zwischen Bayern und Baden-Württemberg bildend – zwischen
Ulm und Neu-Ulm in die Donau
(vgl. Urmutter Danu) fließt.
Die Trinität der drei namentlich unbekannten Dienerinnen
der Venus, die den Kern des Unternehmens der Afra bildeten,
ist natürlich ein Symbol für die vorrömische, also keltische
Göttinnen-Trinität, und der ihnen unterstellte
„Beruf” eine „christliche” Umschreibung für
das römische Äquivalent der Priesterinnen vulgo Tempeldienerinnen
(Venerii) der altitalischen (für die Veneter und
Venedig namensgebenden) Frühlings- und Vegetationsgöttin
Venus, die später mit Aphrodite gleichgesetzt
wurde und im Imperium zur National- und Schutzgöttin Roms aufstieg.
Eine Funktion, in der sie in einer Stadt, die bis heute stolz ist auf
ihre römische Tradition, nicht umgebracht, sondern „nur”
durch Feuer gereinigt bzw. (um-) getauft
werden konnte.
| Als
Sex noch ein Weg zur göttlichen Gnade war |
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Da
nehmen wir uns zuletzt wohl noch die unmittelbaren Nutznießer
der ersten Pa-tronin Augsburgs, das fröhliche Männer-Trio
aus Afras Bordell, Dionysos (Pardon: Onkel Dionysius),
Narcissus und Felix vor. (Dionysius
und Felix waren interessanterweise auch die Namen von
zwei Bischöfen, die in der zweiten Hälfte des 3. Jh. in der
alten Reichshauptstadt Rom gewirkt haben sollen.) Und
wir beschäftigen uns mit deren „Venia Legendi” (=Habilitation).
Ja, die akademische Lehrbefugnis bzw. die noch immer
gebräuchliche lateinische Bezeichnung (Venia)
geht etymologisch tatsächlich auf Venus und ihre
„Dienerinnen” zurück. Es ist schlicht die Bezeichnung
für den „Weg zur göttlichen Gnade”,
der den lernwilligen alten Römern von den Priesterinnen der Venus
vor allem mit Hilfe raffinierter sexueller Techniken
gelehrt wurde!
 |
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Da
passt der Dionysius
(der „dem Dionysos/Bacchus Geweihte”) wunderbar dazu,
der im Gefolge Afras der erste Bischof von Augusta Vindelicorum
(Augsburg) gewesen sein soll. Und das Szepter (Thyrosstab)
des ursprünglichen Stierheros und späteren Frucht-barkeits-Gottes
Dionysos (dt. Gottessohn, „Frucht
des Himmels”) findet sich noch heute im Stadt-Wappen
von Augsburg: in Form des krönenden Pinien-Zapfens,
der in der Antike kraftstrotzende Fruchtbarkeit und unerschöpfliche
Fülle symboli-sierte.
Abb.
links: Stadt-Wappen von Augsburg |
Gast-Bischof
Narcissus kam natürlich nicht aus Spanien –
aber über seine Gastrolle in der Augsburger Heiligenkiste im Mittelalter
nach Gerona retour. Die mythologische Gestalt des Narcissus (Festtag
29. Oktober), diente jedenfalls im Mittelalter zur passenden Ausschmückung
der legendären „Biografie” der Hl. Afra. Und Narcissus
unterstützt unsere These von der mythologischen Gleichung Afra
= Aphrodite, die römische bzw. nachrömische Interpretation
einer keltischen Wasser- und Fruchtbarkeits-Göttin, als der „Original-Narziss”
im Aphrodite-Mythos als Sohn der Quellnymphe Leiriope
auftaucht, wo ihn die Liebesgöttin zur Selbstverliebtheit verdammt,
weil er sich nicht der Liebe zur Nymphe Echo hingibt.
Des Griechen Zölibat endet allerdings nicht im Feuer, sondern damit,
dass er in eine künftig nach ihm benannte Blume
verwandelt wird.

Echo
& Narcissus, John William Waterhouse, 1903, Walker
Art Gallery Liverpool
Zum Schluss noch zu Felix, dem angeblichen Diakon des
Narcissus und wie dieser Bordell-Kostgänger: Was heute wie ein
männlicher Vorname klingt (der Glückliche), war ursprünglich
ein Wort für Fruchtbarkeit und Fülle, das
auf die genuin weibliche Fähigkeit des (Mutter-Milch spendenden)
„Säugens” zurückging und in der
Antike u.a. einer der Beinamen (Venus Felix)
der Glück und Erfüllung bringenden Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin
Aphrodite/Venus, der mythologischen Schwester der Afra von Augsburg,
geworden war. Doch damit nicht genug! Der in Augsburg ausgebrütete
Felix von Gerona hat noch ein besonderes Schmankerl:
seinen Festtag, den 1. August, zur Zeit der Kelten
unter dem Namen Lugnasad
dem Heros Lug geweiht, Sohn-Geliebter
einer ur-alten Muttergöttin, der mit ihrer Hilfe eine fruchtbare
Ernte sichern sollte.
| Was
gebiert Mutter Erde nach neun vollen Monaten? |
|
Überhaupt
waren nach keltischer Zeiteinteilung mit Beginn des
Monats August, den im Römischen Imperium Kaiser Augustus - nach
Julius Cäsars Juli-Vorbild - für sich reklamiert hatte, gerade
neun Monate des Werdens und Reifens vergangen. Damit
begann die Zeit der Vorbereitung auf das Gebären von Mutter Erde,
die Hoffnung auf eine reiche Ernte. Der August war
der Monat, in dem schließlich auch Afra gleich
mehrere Festtage - den 5., 6. und
7. August - einnehmen konnte. Und wen wundert
es noch, dass Afras Mutter Hilaria, die Heitere, die
ihre Tochter nach der christlichen Legende der Fruchtbarkeitsgöttin
Venus geweiht hatte, nach dem katholischen Heiligen-Kalender
am 12. August gefeiert wird, drei
Tage vor dem Großen Frauentag (15. August - heute höchster
Marien-Feiertag), und Venus selbst eine Woche später,
am 19. August, einen großen Ehrentag hatte.
Was schließlich den 29. Oktober betrifft, den
Festtag des fiktiven Missions-Bischof Narcissus aus
Gerona, geht dieser auf die von den Römern übernommenen Isis-Feiern
in der Zeit von 29. Oktober bis 2. November zurück! - Sie haben
es erraten! Das war hierzulande die römische Antwort auf das kel-tische
Samhain! „Isis-Noreia”
und ihre Schwestern hielten das ebenso aus wie den Afra-Kult,
der ja ohnehin ihnen galt - und gilt!
Damit wollen wir aber unseren Afra-Aufdeckungs-Beitrag endlich schließen.
Den weit späteren Nutznießer und Erben Afras, Bischof Ulrich
von Augsburg, politisch-ideologische Speerspitze des feudalistischen
„Ottonischen Reichskirchen-Sys-tems”, der noch im Tode neben
Afra liegen wollte und viele ihrer (ehemals keltischen) Eigenschaften
okkupierte, behandeln wir übrigens in (s)einem eigenen Beitrag
im Rahmen der U-Heiligen,
wo Sie auch noch mehr zu Afra-Aphrodite, Noreia-Isis,
und unter welchen Namen sie immer sonst vor vielen Jahrhunderten angerufen
wurde, erfahren können - insbes. zur Symbolik der vesica
piscis!
| |
Kurzsteckbrief:
Hl. Afra |
^ |
| Namenvarianten:
|
|
Affra, Avar |
| Festtermin: |
|
5./7.
August |
| Namensdeutung: |
|
Kurzform
von Aphrodite |
| Symbole: |
|
Baumstamm,
Feuer, Pinienzapfen (urspr. Fisch,
Delphin) |
| Mythol.
Funktion: |
|
Patronin
der Prostituierten, Heilerin, Seelenbegleiterin, Feuerpatronin (urspr.
Wasserpatronin) |
| Parallelen
zu: |
|
Aphrodite,
Morigan, Noreia-Isis, Rigani, Venus |
| Zugeh.
Bethe(n): |
|
Wilbeth/Katharina,
Ambeth/Margaretha,
Borbeth/Barbara |
|
Verehrungsorte: |
|
Augsburg,
Salzburg-Nonnberg, Affenhausen (T), Pflach (T), Thaur |
|
Alpine Verbreitg.: |
|
Zeitraum
unbekannt |
| >
Buchtipps: |
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Georg
Rohrecker
Kelten - Götter - Heilige
Mythologie
der Ostalpen
Wien (Pichler)
2007 |
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Erni
Kutter
Der Kult der Drei Jungfrauen
Eine Kraftquelle weiblicher Spiritualität
neu entdeckt
Norderstedt (Books on Demand) 2003 |
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Marion
Giebel
Das Geheimnis der Mysterien
Antike Kulte in Griechenland, Rom
und Ägypten
Düsseldorf (Patmos) 2003 |
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Otto
Holzapfel
Lexikon der abendländischen Mythologie
Freiburg-Basel-Wien (Herder) 2002 |
|
©
Georg Rohrecker
Update:
16.11.2008
