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Allerheiligen
(1. Nov.)
Vom
röm. Pantheon bis zum keltischen Samhain: Alles besetzt!?
Allerheiligen
ist zwar kein in den Ostalpen erfundener „Brauch”, doch
der ver-drehte „Ersatz”
eines solchen. Und es ist auch kein Zufall, dass dieser
Termin (1. November) gerade in den Alpenländern
mit allem Ernst begangen wird und arbeitsfreier gesetzlicher
Feiertag ist. Aber wir wollen zur näheren Erklärung
zuerst noch tiefer eintauchen in die Geschichte und die Winkelzüge
„weltlicher” und „geistlicher” Weltpolitik.
Nicht immer waren da die höchsten Repräsentanten von Kirche
und Staat, so z.B. die Römischen Kaiser, eine
Zierde ihres Amtes – ebenso wenig wie die Bischöfe
von Rom, die rund 600 Jahre nach Christi Geburt den Titel „Papst”
und die Oberhoheit über die katholische Kirche, die Staatskirche
des spätantiken Römischen Reiches, für sich beanspruchten.
Da konnte es leicht vorkommen, dass eine schmutzige Hand die andere
wusch!
So
hatte sich z.B. ein gewisser Phokas im Jahre
602 in Byzanz zum oströmi-schen Kaiser gemacht,
indem er mit seinen Spießgesellen den „rechtmäßi-gen”
Kaiser Mauritius samt Familie niedermetzelte. Da er den für
die Legi-timation nötigen Segen der Vertreter der (Ost-)
Kirche, der Patriarchen von Konstantinopel - dem „Neuen
Rom” - dafür nicht erhielt, setzte Phokas auf die Bischöfe
des weit abgelegenen „alten” Rom, die sich zur Anhebung
ihrer Bedeutung im Reich um so williger mit dem Usurpator gemein
machten. Von Gregor I. bis Boni-fatius IV. pflegten
die Oberhirten von Rom enge „freundschaftliche Bezie-hungen”
mit dem Massen-Mörder auf dem Thron im Osten. |
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Röm.
Münze mit Potrait des Phokas |
Es
sollte ihr Schaden nicht sein! Phokas, der „amtierende
Römische Kaiser” in Byzanz „revanchierte”
sich für die fromme Unterstützung aus dem
fernen Westen und erkannte – zum Ärger der anderen (bislang
gleichrangigen) Patriarchate von Jerusalem, Antiochia, Alexandria und
Konstantinopel – im Jahre 607 per Kaiser-Dekret
den Bischof von Rom bzw. „die apostolische Kirche S. Petri als
Haupt aller Kirchen (caput omnium ecclesiarum)”
an. Im Jahr darauf „schenkte” der Thronräuber dem „Papst”
Bonifatius IV. den bisherigen Tempel für die Göttermutter
Kybele und „alle”
übrigen Götter, das sogenannte Pantheon
in Rom (von gr. pan für „alle”
und theoi für „Götter”).
Wofür umgekehrt Bonifatius dem Kaisermörder eine „Ehrensäule”
errichten ließ, die in Rom heute noch steht. - Die virtuelle „Ehrensäule”
im Web steht auf den Seiten von Wikipedia unter Bonifatius IV. (Papst)!
| Statt
Kybele und alter Götter eine Heerschar an neuen Märtyrern |
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„Sein”
Pantheon, den altehrwürdigen Tempel
für alle Götter, dessen Kuppel größer ist
als die der Peterskirche, funktionierte „Papst” Bonifatius
IV. schnellstens um zu einer Kirche für
die „Gottesmutter Maria und alle [an Stelle
der Götter getretenen] Mär-tyrer”,
dem Grundstock der Gemein-schaft der katholischen „Heiligen”.
Als Festtags-Termin für „Allerheiligen”,
dem Sammelbecken all jener Heiligen, die wegen der begrenzten
Zahl an Tagen pro Jahr um einen eigenen Festtag
gestorben waren, galt in den Nach-folgestaaten des Römischen
Reiches zunächst der Sonntag nach Pfingsten.
Ein Datum, das jedoch in den ehemals keltischen Ländern keine
rechte Wirkung entfalten konnte!
Abb.li.:
Innenansicht des Pantheon im 18.Jh.
Gemälde von Giovanni Paolo Pannini |
Für ostalpine Verhältnisse wurde die Sache erst interessant
als Papst Gregor III. (731 – 741) zwangsläufig
Muße fand, sich den ehemaligen Kelten und Germanen in und nördlich
der Alpen zuzuwenden, weil ihm rund ums Mittelmeer der Oströmische
Kaiser Leo III. das politische Wasser abgrub. Vom päpstlichen
Legaten Bonifatius (dem mit der Donar-Eiche) auf hartnäckig
erhaltene „heidnische” Bräuche aufmerksam gemacht,
verbot er z.B. das Essen von Pferdefleisch, das zum
keltischen Ritual zu Samhain gehörte. (In der
übrigen Zeit war den Kelten das Fleisch des Pferdes, heiliges Orakeltier
und „Mitwisser der Göttinnen” tabu!) Und mit Hilfe
des Eiferers Bonifatius erkannte er die Brisanz des in den Ostalpen
und in den ehemals keltischen/gallischen Ländern noch immer am
1. November gefeierten keltischen Jahreswechsel-Festes Samhain,
an dem nach dem überkommenen Glauben die Tore der „Anderswelt”
nach außen offen standen, und die Seelen der (vorübergehend)
verstorbenen Verwandten ihre Familien besuchten.
Die endgültige Etablierung des aller Ausgelassenheit entkleideten
„christlichen” Ersatz-Festes „Allerheiligen”
fand trotzdem erst ein Jahrhundert später statt, als „Papst”
Gregor IV. (827 – 844) im Jahr 835
dessen Einführung im - über West- und Mitteleuropa
ausgedehnten - Frankenreich durchsetzte. Seither ist
der 1. November ein trauriger Tag, für den es z.B. mancherorts
bis heute sogar ein amtliches Tanzverbot (vgl. Kathrein-Tanz)
gibt. Die Umkehrung (neulat. Per-version)
des höchsten Keltenfestes, bei dem auch hierzulande
offen-sichtlich noch im 9. Jahrhundert „nach Christus”)
die Verstorbenen auf eine ungleich freundlichere – und sinnlichere
– Art geehrt worden sind, ist damit perfekt!
©
Georg Rohrecker
Update:
13.12.2008
