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aus Niederösterreich > Frau Holle zu Hainburg
(Niederösterreich - Marchfeld/Hainburger Au)
Frau Holle zu Hainburg
Woher früher die Babies kamen
Wer meint, Frau
Holle sei ein Exportartikel „Made
in Germany” - oder gar (wie ein ostalpiner „Germanist”
und Groß-Keltologe) „germanisches Ahnenerbe”! -, dem
müssen wir genauso sagen er irrt, wie jenem, der nur ihre Winterseite
sieht oder sie für ein altes Weiblein hält. Wie überall
im ehemaligen Verbreitungsgebiet der Kelten haben auch wir in Österreich
ganz ohne germanisches Zutun unsere eigenen holden und schönen
Holler-Frauen, so z.B. ganz im Osten des Landes, dort
wo der Rußbach nach seinem langen Weg von der Quelle im Weinviertel,
über das Marchfeld und zuletzt durch die berühmte
Hainburger Au endlich ganz nahe der heutigen Slowakischen
Grenze in die - nach Urmutter Danu benannte - Donau
fließt.

Donau-Au
bei Hainburg ©
NÖ-Werbung
Nicht im kalten Winter, sondern mitten im Sommer soll
es der Sage nach gewesen sein, als dort einst in einer Vollmondnacht
in aller Muße ein Fischer am Donauufer saß und auf das Brausen
und Rauschen des Wassers horchte. Da sah er plötzlich etwas Seltsames.
Aus der Mitte des Stromes hob sich eine wundersame Frau mit langem Haar
empor, gefolgt von zwei Nixen, die weite, leere Körbe in den Händen
hielten.
In diesem Augenblick mußte es den guten Mann nicht reuen, dass
er noch in einer Zeit ohne Fernsehen und einschlägige Sendungen
wie „Tutti frutti” gelebt hatte. So gut
wie der Fischer alles mit ansehen konnte, liegt allerdings der Schluß
nahe, dass der Schauplatz nicht die Strommitte war, sondern wohl eher
ein stilles Plätzchen an seinem Ufer. Jedenfalls zeigten nicht
nur die beiden Nixen ihre blanken, im Mondschein glänzenden Brüste.
Auch die schöne Frau in ihrer Mitte hatte das Oberkleid aufgerafft.
Darinnen lag, wie in einer Wiege, eine Schar ganz kleiner Kindlein.
Der Fischer hielt den Atem an und konnte sich sicher kaum satt sehen
an der dreifachen – ja gewissermaßen sechsfachen - Schönheit
der holden Nackten. Da legte Frau Holle – und
um die handelte es sich, dem überlieferten Titel der Sage
nach – bald der einen, bald der anderen Nixe ein Kind in deren
Korb und bedeutete ihnen dann, sich zu entfernen. Sogleich entschwebte
die eine Nixe mit ihrem Korbe gegen Hainburg, die andere
gegen Theben zu, dem heute slowakischen Devin an der
Mündung der March/Morava in die Donau, während die schöne
Frau wieder in den silberglänzenden Fluten verschwand.
Was darauf der Fischer noch getan hat, ist in der Sage nicht überliefert!
Nach Fischen wird ihm wohl nicht mehr gewesen sein. Wahrscheinlich schlich
er heim. Und vielleicht genehmigte er sich dort ein paar Gläschen
vom beliebten Ribisel- (Johannisbeer-) Wein aus Devin,
dem heutigen Vorort von Bratislava (Pressburg) am malerischen
Südwestfuß der Kleinen Karpaten.
Die
geneigten LeserInnen müssen an dieser Stelle nicht mehr mit den
Nasen auf die Dreizahl der schönen Frauen der Sage, auf die keltische
Frauen-Trinität der Drei
Bethen gestoßen werden. Darüber haben wir schon
genug erfahren. Was die Wasserkomponente der Drei Frauen betrifft, hätte
die Geschichte auch an anderer Stelle Platz. Doch schon bei den Sagen
um die Dreifache Muttergöttin selbst, zeigt sich, dass das Wasser,
das Element des Lebens, ihr Element ist. Schließlich
kann auch der Vollmond an dieser Stelle nicht fehlen.
(Über die „verdächtige” Dauer der Mondzyklen
müssen wir kein Wort verlieren.) Kein Wunder, dass der
Mond ein zentrales Symbol vorchristlicher Liebes-, Fruchtbarkeits- und
Muttergöttinnen war.
Doch zurück zur keltischen Göttinnen-Trinität der Drei
Bethen. Hold den Menschen zugeneigt waren sie alle Drei. Fürs
Kinderkriegen war aber besonders eine holde Frau zuständig, jene
zentrale Gebärerin Ambeth, welche die katholische
Kirche sehr viel später zur Jungfrau Margaretha
machte – bevor sie diese in der noch immer zu brisanten Konstellation
der Drei Heiligen Madln in den katholischen Kirchen
überhaupt durch die Gottesgebärerin Maria ersetzte. In allen
diesen Fällen war die biblische Mirjam schließlich dazu bestimmt,
den uralten Frauenkult endlich in entsexualisierte katholische Bahnen
zu lenken.
Unsere Donau-Sage zeigt deutlich – wie das bekannte
Märchen von der Frau Holle – ihre Herkunft aus matriarchaler
Vorzeit. Die Akteurinnen benötigen für ihr Tun, sogar
für das Kinder in die Welt setzen, noch ganz eindeutig keine Männer.
In jener Zeit, in der die Rolle des „kleinen Unterschieds”
noch nicht klar war und allein das an Mutter Natur beobachtete weibliche
Prinzip verehrt wurde, waren die Herren der Schöpfung noch bloße
Zuschauer, gleich unserem voyeuristischen Fischer vom Donauufer. Wie
die weitere Entwicklung aber auch bei unseren keltischen Vorfahren zeigte,
führte das spätere Wissen über die Rolle des Mannes beim
Zeugungsakt letztendlich doch zum Patriarchat, das
sich schließlich zur eigenen Überhöhung soweit verstieg,
wie im griechischen Olymp Frauen aus Männerleibern gebären
zu lassen.
Dann lieber zurück in die Hainburger Au, an die Mündung des
Rußbachs, wo unsere sagenhaften Kinder einst
das Licht der Welt erblickt haben sollen. Zwar entspringt der kleine
Fluss nicht bei Hollabrunn, sondern 10 Kilometer (Luftlinie)
östlich davon bei Ernstbrunn im Weinviertel, doch
Österreich ist auch so voller Holla-, Hollen-, Holler- und Höllorte,
bis hinein z.B. nach Hollersbach
unter den Hohen Tauern, die ihre Namen trotz germanisierender Deuterei
nicht von den heilkräftigen Hollerbuschen
haben, sondern von der dort einst verehrten bzw. „angesiedelten”
holden keltischen Göttinnen-Trinität. Diese Ortsnamen weisen
auf einschlägige Kultstätten hin, die heute von katholischen
Kirchen überbaut sein können.
Bei den Hollermüttern, wie die keltischen Bethen
auch genannt wurden, ging es bekanntlich um Licht, Fruchtbarkeit und
Heil, und Holle kommt wirklich von Heil und Heilig (vgl. engl. holy).
Frau Holle ist die unseren vorchristlichen Ahnen heilige Mutter Erde,
die Fruchtbare und Heilbringende, die Liebevolle und Gebärende,
die Gütige und die Beschützende. Die Große Muttergöttin
vereint diese Eigenschaften alle in sich. Heiligkeit, Heil, Helligkeit,
Huld, Höhle – und Hölle (vgl. engl. hell)
– haben alle eine (auch sprachliche) Wurzel!
Selbst was die sogenannte Hölle betrifft, wird
uns die ehemalige Verwandtschaft zum Heil verständlich, wenn wir
uns vor Augen führen, dass die „Hölle” im heutigen
Sinn in unseren Breiten erst vom Christentum etabliert und bis heute
fleißig propagiert wurde. Die Kelten kannten als (vorübergehenden)
Aufenthaltsort aller Verstorbenen nur eine helle paradiesische „Anderswelt”!
- Zum Schauplatz zwischen Hainburg und Pressburg
(Bratislava) ist übrigens zu sagen, daß Burg und Berg von
bergen und gebären (!) kommen, von sich heben, tragen und hervorbringen.
„Bergmuata schau oba!”

Schwarzer
Holunder www.tee.org |
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Zuletzt
aber dem über fast ganz Europa verbreiteten Holler
oder Schwarzen Holunder (Sambucus nigra) auch
noch die Ehre: Mit seinen schier unendlich vielen weißen
Blüten an roten Stielen aus denen tausende
schwarze Beeren werden, in denen sich zumeist
drei Kerne befinden und mit den sich neigenden
Ästen, gab er von der Gestalt über die Farben bis zur
Wirkung einiges her, zur Heiligen Pflanze der Dreifachen
Mutter-göttin zu werden. Noch heute gilt Holundertee
als probates Mittel bei Erkältungskrankheiten und als Diuretikum,
ein die Salz- und Wasserausscheidung verstärkendes Arzneimittel.
Albertus Magnus, hoher Ordens-Funktionär
der Dominikaner und deutscher Naturforscher des 13. Jahrhunderts,
bezeugte noch, daß es nach entsprechender Verabreichung
„vorne und hinten” losgeht - wahrscheinlich half der
Holler auch dabei, Geburten einzuleiten. |
Doch abschließend noch einmal zur Dreifachen Hollermutter selbst.
Sogar in einem uralten Kinder-Tanz-Lied werden bis
heute kaum verschlüsselt wesentliche Aspekte keltischer Weltanschauung
und Mythologie vermittelt:
Ringa, ringa, Reia
Sam´ ma unsa Dreia
Sitz´ ma untam Hollabusch
Moch´n olle husch, husch, husch.
Oder auf „Standardsprache”:
Ringlein, Ringlein, Reigen,
Wir, die wir Drei sind,
Sitzen unterm Holunderstrauch.
Alle suchen darunter Schutz.
Zuerst wird um den ihr heiligen Strauch im Kreis herumgetanzt
– vielleicht bis zur Ekstase. Nach diesem intensiven Erleben,
das die stark duftenden Holunderblüten sicher verstärken,
folgt die selige Erschöpfung und die heilende Rast, die Geborgenheit
im Schutze der Dreifachen Gebärerin und Heilerin. Die Vermutung
liegt nahe, daß dies ursprünglich kein Kinderspiel
war, sondern kultisches Ritual für „erwachsene”
Menschen, die vermutlich paarweise und in eindeutiger Absicht hinter
den Holler huschten - um dort zu kuscheln. (Vgl. frz.
se coucher, sich niederlegen - um [miteinander] zu schlafen.)
Das war aber zu einer Zeit, da war nicht nur Devin ein keltisches
Oppidum, sondern auch das heutige Hainburg
noch wörtlich eine Heidenburg, deren BewohnerInnen noch nicht durch
römische Besatzungssoldaten und Verwaltungsbeamte des nahen Carnuntum
das nüchternere Christentum und seine reinigende Taufe gebracht
worden waren.
Sagen-Quellen:
+ Leander Petzoldt (Hg), Sagen aus Niederösterreich,
München (Diederichs) 1994;
+ Johann Wenzel, Sagen von der Hainburger Pforte, Hainburg
1925.
| >Buchtipps: |
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Heide
Göttner-Abendroth
Frau Holle
Das Feenvolk der Dolomiten
Die großen Göttinnenmythen Mitteleuropas und
der Alpen
Königstein/Taunus
(Ulrike Helmer Verlag) 2005 |
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Sonja
Rüttner-Cova
Frau Holle
Die gestürzte Göttin
Märchen, Mythen, Matriarchat
München (Hugendubel)
1998 |
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Nachsatz: Obigen Text
glaubte ein Wiener Keltologen-Gockel - Experte des
„Zipfschen Gesetzes” (sic!) (Wien 1979, 106 S.) - mit dreifachem
Husch (sic!) in beziehungslose Zitate zerlegen und von seinem kleinen
olympischen Haufen herab den StudentInnen als höchstselbst gelegtes
Satyr-Spiel-Ei und Schlussstein zum Studium der Keltologie
bekrähen zu müssen. Über dieses treffliche Schulbeispiel
Jandlscher Professoren-Karikatur - „ich sein universitäten
professor kapazität von den geschichten was du sein?” - erfahren
Sie (vielleicht) demnächst an anderer Stelle dieser Kelten-Seiten
mehr.
Soviel zum Thema blöde Polemik schon vorweg: Was aus dem
Ei eines Hahns (von einer Kröte ausgebrütet)
wird, wissen die Wiener - ein schiacha Basilisk mit giftigem
Hauch wie der von der Schönlaterngasse. Was ein Gockel
der Gattung Lyrurus tetrix tetrix mit SS-Ahnenerbe-Doktor-Vater
(Otto Höfler) -
der „sozusagen ein Kulturheros” (Originalzitat!)
für ihn war - diesbezüglich hervorbringt, dass man/frau (von
wegen Linguist) bereits in der dritten Hörsaalreihe nichts mehr
davon versteht, ist vielleicht nicht ganz so sagenhaft! Trotzdem mal
sehen, was passieren wird, wenn wir solchem Geflügel, bei dem die
Männchen immerhin bis zu 60cm groß
werden können, den Spiegel vor den Schnabel halten!
[Demnächst auf diesen Seiten - oder auch nicht!]
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Geflügelmetamorphose?
Bild links:
Lyrurus tetrix tetrix
Hahn oben
Henne unten
©
www.vzi.de
Bild rechts:
Sagenhafte
Basilisken
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©
Georg Rohrecker
Update:
03.03.2008
