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Gertrud
Hausmeistertochter und Germanische Isis - 17. März

Gertrude von Nivelles
James C. Christensen

© greenwichworkshop

 

Gertrud mit der Maus, treibt Spinnerinnen aus! Eine Bauernregel der besonderen Art. Oberflächlich war es am 17. bzw. Mitte März an der Zeit, die winterliche Spinnarbeit im Bauernhaus bei Seite zu legen, und draußen auf den Feldern mit der Arbeit zu beginnen. Dass dahinter mehr stecken muss, zeigt schon Gertruds unten stehendes Bild aus dem ehemaligen Kultplatz, Bethenort und Heilbad Dreikirchen hoch über dem Eisacktal in Südtirol – zumindest dann, wenn die „heidnischeSymbolik entschlüsselt wird! Die schwarzen Mäuse stehen auf dem Bild für verstorbene Seelen, und Spinnroggen (Stab in der Rechten) und Spindel (Spule in der Linken) sind Symbole göttlicher (magischer) Macht, die die dargestellte Frau als eine Art „Schicksalsgöttin” ausweisen, wie sie gerade den Lebensfaden webt für das neue (irdische) Leben der verstorbenen Seelen! (Die Maus wird sich hüten, den für sie bestimmten Faden abzubeißen!)

Gertrud als weis(s)e Wilbeth/Katharina ist die eine - ziemlich anmaßende - Seite. Die zweite ist ihre (in unserem Bild nicht sichtbare, aber in der „Bauernregel” indirekt enthaltene) Orientierung auf die Felder, für deren Fruchtbarkeit sie angerufen wird. Wenn wir uns vor Augen führen, dass Gertrud, die Patronin der Feld- und Gartenfrüchte, zu den wenigen dominanten Heiligengestalten zählt, die sich auf eine konkrete historische Person beziehen, die tatsächlich gelebt hat, sind ihre „göttlichen Befugnisse” doch einigermaßen erstaunlich- und doch wieder nicht! Zwar war ihr Vater Pippin (der Ältere) theoretisch nur „Hausmeier” des fränkischen Teilreiches Austrien, doch praktisch waren die „Pippiniden” gewiefte (skrupellose) politische Taktierer, die sich zuletzt auch die fränkische Königswürde unter den Nagel rissen. (Bevor sich Enkerl Karl zu Weihnachten des Jahres 800 von „seinem” Papst in Cäsaren-Maskerade zum Römischen Kaiser krönen ließ!)

 

Männer vom Schlage Pippins und seiner Sippschaft verstanden es insbesondere, sich mit der römisch-katholischen Kirche bzw. deren ebenfalls macht-bewusstem Klerus zu arrangieren und sich neben den materiellen Waffen auch der ideologischen zu bedie-nen - was natürlich (nach der Devise „Eine Hand wäscht die andere”) entsprechende Gegenleistungen erforderte. Pippins Frau vermachte in diesem Sinn (auf Anraten von Bischof Amandus) ihr prächtiges Gut in Nivelles und sich selbst der Kirche (das Anwesen wurde zum Kloster umfunktioniert - nach alter irischer Tradition mit Frauen und Männern zusammen! - und sie Äbtissin). Pippins eifrige Tochter Gertrud trat bald in Mammis Fußstapfen, wurde zuerst Nonne, dann Äbtissin und nach dem (durch fromme Askese) reich-lich frühen Tod „Sippen-Heilige” der Pippiniden (und später ihrer Nachfahren, der Karolinger) - und prak-tischerweise Projektionsfläche für die tollsten „Be-gründungen” der besonderen „Gottgefälligkeit und Heiligkeit” des Clans, der auf diese Weise den Macht-anspruch seiner Bosse auch von „himmlischer Seite” her „legitimierte”.

Abb. li.: St. Gertraud, Dreikirchen, Barbian im Eisacktal

Da ja Adel auch diesbezüglich besonders verpflichtet (letztes Beispiel: Karl – nicht der heilige Große, sondern der selige Habsburger), wuchs Gertrud nach entsprechender Propaganda über Muttern weit hinaus und wurde schließlich als „Germanische Isis” verkauft. Selbst der Festtag 17. März ist natürlich Programm: er war zuvor der altrömischen Göttin der Fruchtbarkeit, Liber(i)a, gewidmet gewesen, die mit Ceres (röm. Schutzgöttin der Toten und des Ackerbaus) und Liber (röm. Fruchtbarkeits- und Vegetationsheros) eine Trinität gebildet hatte! - Sich im keltisch und keltoromanisch geprägten Europa auf Isis und Liberia zu berufen, war kein schlechter Schachzug und der spirituellen Verbreitung der Heiligen Gertrud stand im Reiche von Karl dem Großen (Mörder und Kriegsverbrecher) nichts mehr im Wege! Karls Gewährsmann für Baiern und für die Ostfront, Abt Arn(o) von St. Amand nahm Gertrud nach Salzburg mit, wo er auf Karls Geheiß Erz-Bischof und Metropolit Baierns wurde - und sie dem Iren Patrick (auch 17. März) seinen Kultplatz in den Katakomben von St.Peter streitig machte - an einer Stelle, die vorher wahrscheinlich Barbara gehörte.


  Kurzsteckbrief: Hl. Gertrud ^
Namenvarianten:   Gertraud, Trude, Traude, Cutubilla, Kakukakilla
Festtermin:   17. März und 6. Jänner
Namensdeutung:   Beschwörerin
Symbole:   Spindel, Korngarbe, Mäuse, Kröten (Gebärmuttersymbol)
Mythol. Funktion:   Seelenführerin, Seherin, Patronin der Feldfrüchte
Parallelen zu:   Ceres, Demeter, Flora, Isis, Liberia, Notburga, Wiltrud
Zugeh. Bethe(n):   Wilbeth/Katharina, Ambeth/Margaretha
Verehrungsorte:   Nivelles (B), Bochum (D), Dreikirchen (I), Salzburg St.Peter
Alpine Einführg.:   Mitte des 14. Jh. (in Salzburg vermutlich zu Beginn des 9. Jh.)

Buchtipp:     ^
  Erni Kutter
Der Kult der Drei Jungfrauen

Eine Kraftquelle weiblicher Spiritualität neu entdeckt
Norderstedt (Books on Demand) 2003
 

Web-Tipps:
Barbian-Dreikirchen (I)
Gasthof Bad Dreikirchen
Nivelles (B)
 

© Georg Rohrecker

Update: 27.04.2008

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