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(Salzburg - Flachgau)
Kaiser Karl im Untersberg
Des Kaisers Bart ist noch zu kurz!

Kaum eine größere Ansichtskarte von Salzburg kommt aus ohne die mächtige Kulis-se des Untersberges, der sich im Süden der Stadt jenseits eines ehemals ausge-dehnten Moorgebietes plötzlich eineinhalb Kilometer über die Ebene des Salzburger Beckens auf fast 2000 Meter Seehöhe empor reckt. Der langgestreckte, unüber-sehbare und doch so geheimnisvolle Kalkstock mit seinen unzähligen Höhlen, von denen bislang rund 200 erforscht sind, bietet sich als Hort ebenso unzähliger Sagen an, von denen die vom eingeschlossenen Kaiser bis heute die bekannteste ist.

Nach ihr herrscht in den Tiefen des Untersberges Kaiser Karl der Große. Kaiser und Könige, Fürsten und Große, Scharen tapferer Krieger sind ihm untertan. Da sitzt er in dem Wunderberg, der inwendig hell erleuchtet ist, an einem marmornen Tisch mit goldener Krone auf dem Haupt und seinem Zepter in der Hand. Fragt jemand, wie er da hineingekommen ist in den Berg, so lautet nach den Gebrüdern Grimm die Antwort: Auf dem, westlich Salzburgs gelegenen, großen Walserfeld wurde er verzückt und hat noch seine ganze Gestalt behalten, wie er sie auf der zeitlichen Welt gehabt. Dazu gehört nicht zuletzt des Kaisers Bart, grau und lang gewach-sen, der ihm das goldne Bruststück seiner Kleidung ganz und gar bedeckt.

Auf dem Feld, auf dem Karl damals abgetreten sein soll, wird er dereinst wieder an-treten - zum „letzten Gefecht”. Bis dahin harrt er im Untersberg jener glorreichen Stunde, da er mit seinem gewaltigen Kriegsvolk aus dem Berge hervorbrechen und am Walser Felde eine Schlacht schlagen wird, die ihresgleichen nicht mehr finden wird, noch je gefunden hat. Das Blut wird ... Halt! Halt! Genug hier der bluttrie-fenden Sage von der großen Schlacht beim Walser Birnbaum. Wir tauchen lieber wieder ein in den Glanz der Welt im Berg und zu des Kaisers langgewachsener Manneszier.

Für Karl ist die Zeit seiner letzten, alles entscheidenden Schlacht nämlich erst dann gekommen, wenn sein Bart, der an Fest- und Ehrentagen auf zwei Teile geteilt wird, davon jeder mit einem kostbaren Perlenband umwunden, dreimal um jenen Marmortisch gewachsen ist, an dem er im Berg drinnen sitzt. Bis zu diesem Tag zeigt sich der Kaiser freundlich und gemeinschaftlich gegen alle Untergebenen. - Nicht in jeder Version der Sage ist der große Franke an seinen steinernen Tisch gebunden. Wie könnte er sonst im Inneren des Wunderberges nach einer anderen Sagenversion mit seinen Mannen leutselig „auf einer schönen Wiese” hin und her gehen?

Nach einer anderen - noch beliebteren - Variante schläft Kaiser Karl und erwacht nur von Zeit zu Zeit aus seiner Verzückung und mit ihm sein ganzes Gefolge. Dann wird ein Edelknabe auf das Geiereck, die dritthöchste Spitze des Untersberges (1805 m) - die von Salzburg aus am besten zu sehen ist - entsendet, um zu er-kunden, ob die Raben noch um den Berg fliegen. Ist dies der Fall, und bringt der Edelknabe (oder Untersberg-Zwerg) hievon Kunde, dann neigt der Kaiser mit leisem Wehruf sein Haupt und versinkt mit seinem Gefolge wieder in tiefen Schlaf.

Aus seinem Schlaf soll der Kaiser endlich dann aufschrecken, wenn, „wohlgezählt, vierundzwanzig Raben” den Berg umkreisen. Jedoch die Zeit, den Berg zu ver-lassen, ist dann für ihn immer noch nicht gekommen. Vielmehr muss er seiner Er-lösung so lange harren, bis der berühmte Zwergenstein gefunden ist, dem die Kraft innewohnt, alle Zwerge des Untersberges in Menschen zu verwandeln. Beim Barte der kleinen Zwerge und des großen schlafenden Kaisers, in diesem Falle hülfe vorher selbst die längste Manneszier nicht viel! Schade – zumindest für jene Blutbanken und Organdepots dieser Welt, die schon auf den lukrativen Endkampf des Guten über das Böse beim Walser Birnbaum warten!

Manneskraft im Schoße der Bergmutter

So leid es uns tut. Der Zwergenstein im letzten Absatz zerstört nicht nur den müh-sam kultivierten Mythos von der langen „Manneszier”, sondern auch den der „Teut-schen Manneskraft” im, auf und um den Untersberg, der sich übrigens seit Mai 1961 mittels Seilbahn binnen weniger Minuten bis knapp unter das Geiereck „bezwingen” lässt. Zwar haben unsere keltischen Vorfahren ihre Anderswelt überall mit großen Fürsten ausgestattet, doch letztendlich regiert im Salzburger Wunderberg trotz aller Entstellungen offensichtlich noch immer das matriarchale Prinzip der Großen Ur-mutter, die - wie wir auch aus anderen Sagen wissen - ursprünglich selbst die Mutter der steinernen Berge, die Bergmutter (in Irland und Schottland noch heute Cailleach genannt) war. Doch, auch in ihrem Sinne, alles der Reihe nach!

Dass die Sagen von den Herrschern und Heroen im Berg weit älter sind als der zu-gereiste fränkische Haudegen, liegt auf der Hand. Was diesen Charlemagne betrifft, der den heiligen Salzburger Untersberg erobern, und sich alle darin wohnenden „Kaiser und Könige, Fürsten und Große” usw. zu Untertanen machen konnte, wollen wir ihn ob seines Ehrenplatzes doch etwas genauer unter die Lupe nehmen. Seine „letzte” Eroberung passt völlig zum „irdischen” Lebensweg des ältesten Sohnes jenes besseren königlichen „Hausmeisters”, der sich mit päpstlicher Unterstützung samt alttestamentarischer „Salbung” selbst zum fränkischen König hochgeputscht hatte.

Nur kleiner – wenn auch nach biblischem Vorbild „gesalbter” - Gaukönig in Franken (im ehemaligen Gallien) zu sein, war Pippins erstgeborenem Sprössling Karl viel zu wenig. Da strebte Charlie schon nach höheren Positionen. Ja ihn trieb offensichtlich klassischer „Cäsarenwahn”. Als sein Mitkönig und Bruder Karlmann verdächtig früh verstorben war, hatte er endlich freie Hand, nach dem berühmten antiken Vorbild sowohl ganz Gallien als auch weite Teile des übrigen Europa zu unterwerfen.

Hausmeistersohn Karl ging dabei nicht nur über die Leichen seiner Feinde, sondern auch über die seiner eigenen Verwandten. Den Gipfel erreichte seine Machtgier, als sich der fränkische Parvenü zu Weihnachten des Jahres 800 von dem von ihm abhängigen Papst Leo III. in alter römischer Tracht zum „Kaiser” und „Imperator Romanorum” krönen ließ - in bewusster Konkurrenz gegenüber dem Oströmischen Kaiser in Byzanz, der seine „Legitimation” immerhin noch in direkter Linie aus der Antike ableiten konnte.

Pikanterweise wurde dieser blut- und machtgierige „Carolus Magnus” sogar in die katholische Gemeinschaft der Heiligen befördert - durch seinen Bewunderer und späteren Nachfolger auf Andersweltthronen, Friedrich Barbarossa, der Karl nach Weihnachten 1165 justament von einem „illegalen” Gegenpapst, der sich Paschalis III. nannte, „heilig” sprechen ließ. Doch lassen wir an dieser Stelle vom „Rotbart”, den wir in der nächsten Sage ohnehin in der „norischen” Saualpe aufsuchen und blenden zum Frankenkaiser Karl zurück, dem Salzburg immerhin seine Erhebung zum Erzbistum verdankt. - Ein machtpolitischer Schachzug, der sogar einmal unblutig zustande kam, aber unter anderem sicher auch eine wichtige Maßnahme sein sollte, mit „ungehörigen” keltischen Relikten im Denken und Handeln der Menschen unseres Landes fertigzuwerden.

Ganz sicher war der noch von Karls Vater Pippin III. protegierte Bischof Virgil, zwischen 745 und 784 das Oberhaupt der Christen im salzburgischen Teil des damaligen Herzogtums Baiern, ein Anhänger des „Keltischen Wegs” der Christianisierung gewesen (Anknüpfen und integrieren). Dafür spricht sowohl Virgils Herkunft als vermutlicher Sohn eines irischen Kleinkönigs aus der heutigen Graf-schaft Meath mit der Ausbildung eines druidenartigen Fili, als auch der Vorwurf seines unduldsamen fränkischen Widersachers Bonifatius, unter seinen „Schäf-chen” eine Weltanschauung zu verbreiten oder zumindest zu dulden, nach der es unter der sichtbaren Welt noch eine andere (!) Welt gäbe.

In einem Denunziationsschreiben, das Bonifatius kaum ohne einschlägigen Anlaß just am 1. Mai - also zur Zeit des keltischen Sommerbeginns bzw. des zugehörigen (Belenus-) Festes „Beltene” - des Jahres 748 an Papst Zacharias schickte, be-zichtigte er den schlauen Iren Virgil, der hier in den ehemals keltischen Alpen die richtige Sprache beherrschte, daß er eine verkehrte und sündhafte Lehre über eine andere Welt und andere Menschen unter der Erde und auch noch über eine andere Sonne und einen anderen Mond vertrete.

Es spricht leider nicht für die heute im Schatten des Untersbergs amtierenden Hi-storiker, daß sie daraus noch immer schließen, Virgil hätte sich einer aus der Kugel-Gestalt der Erde abzuleitenden „Antipodenlehre” bedient. Wo doch schon Bonifatius recht genau beschrieb, wie die keltische „Anderswelt” unter dem Untersberg beschaffen sei, der seinen Namen genau deshalb trägt – und nicht weil die Walser Bauern mit Hilfe des Berges wissen, wann es denn Zeit zum Brotzeit machen, zum „untern”, sei. Die wirklich „klassisch” gebildeten heimischen Gelehrten scheinen den weisen Virgil, der mit seiner druidischen Ausbildung sicher auch großes astronomisches Wissen besaß, wohl nicht richtig verstanden zu haben.

Der allseits verehrte Kaiser Karl zog jedenfalls, bevor er selbst sein Domizil im Un-tersberg aufgeschlagen bekam, einen Schluss-Strich unter den bisherigen salz-burgisch-bajuwarischen „Sonderweg”. Nach Abtbischof Virgils Tod, war es dem machtbewussten Okkupator gelungen, seinen wendigen Gefolgsmann Arn(o) auf den Bischofsstuhl in Salzburg zu setzen. „Carolus Magnus”, wie er sich von seinen lateinkundigen Hofklerikern ansprechen ließ, unterwarf sich bei seinen Kriegszügen auch das noch stark keltisch geprägte Baiern. Der reiche und mächtige Herzog Tassilo III., der bajuwarische Verwandte und Rivale Karls und Gründer vieler Klöster im Ostalpenraum, landete mit „Hilfe” Karls selbst im Kloster.

Zehn Jahre nach Tassilos Sturz krönte Franken-Karl seinen Triumph in Baiern schließlich damit, daß er seinen Günstling Arno zum „Erzbischof”, zum Metropoliten über die, im Sinne der fränkischen Besatzungsmacht neu organisierte, Kirchen-provinz Baiern befördern ließ. Diese wurde sein wichtigstes Herrschaftsinstrument und „ideologisches Bollwerk” im Südosten des neuen Großreiches, von dem aus die „Slaven”, die ersten Sklaven, „missioniert” bzw. unterworfen wurden. - Arnos Vorgänger Virgil war inzwischen wahrscheinlich in den Augen des Volkes in seine „Andere Welt” entrückt, in die auch wir zurückkehren wollen.

In Virgils Heimat am westlichen Ende Europas und damit der bekannten Welt, im fernen Irland, warten der Sage nach seit weit über zweieinhalbtausend Jahren unter vielen Hügeln große Helden als Andersweltfürsten auf ihre irdische Wiedergeburt. - Als berühmtester von ihnen König Artus, der entgegen dem hochgekommenen Karl nicht alleine am Tische sitzt sondern nach guter Keltenart mit einer ganzen Tafel-runde. Und gerade auch die katholischen Historiker sind dort mühelos in der Lage, zwischen den „antipodischen” Bewohnern des heutigen Neuseeland oder Australien und denen der keltischen „Anderswelt” zu unterscheiden. Sie erkennen natürlich auch ohne Verirrung zu Wotan im germanischen Norden die Symbolik der Raben als Begleiter der keltischen Todes- und Schutzgöttin Borbeth, der Hüterin der An-derswelt und Nachfolgerin der alten Großen Bergmutter, die wie die Untersberg-zwerge mit Kapuze - aber ohne Bart - auftritt. („Cailleach” heißt wörtlich etwa „die mit der Kapuze”!)

Lassen wir uns schließlich auch nicht täuschen von der frauenlos beschriebenen Umgebung des großen Frauenhelden und Bigamisten Charlemagne und von den mannhaften „Nikolaus-Bärten” an und um ihn. Die alte Bergmutter hatte auch im Untersberg das eigentliche Sagen. Die kleinen „Zwerge” um sie herum sind nur so klein, weil sie - sicher bartlos - von den Müttern wieder geboren werden wollen. Und der zuletzt angesprochene „Zwergenstein”, auf dessen Auffindung auch der große Kaiser Karl mit dem langen Bart in der Anderswelt des Untersberges warten muss, ist sogar noch weit älter als die keltische Überzeugung vom ewigen Kreislauf des Lebens, in der ein endgültiger Tod keinen Platz haben konnte. Es ist jener ins Neolithikum zurückreichende Mythos der Geburt und Wiedergeburt mittels magischer fruchtbarer Steine, auf den wir z.B. auch beim Falkenstein über dem Aber- oder Wolfgangsee treffen.

Quellen:

+ Rudolf von Freisauff, Aus Salzburgs Sagenschatz, Salzburg 1914, Reprint: Salz-burg Archiv, Schriften des Vereines Freunde der Salzburger Geschichte, Bd. 15, Salzburg 1993

+ Brüder (Jakob & Wilhelm) Grimm, Deutsche Sagen, München (Goldmann) 1999


>Buchtipp:     ^
  Rudolf von Freisauff
Aus Salzburgs Sagenschatz

Reprint: Salzburg Archiv, Bd. 15
(Reihe des Vereins Freunde der Salzburger Geschichte)
Salzburg (Eigenverlag) 1993
 

© Georg Rohrecker

Update: 30.12.2007

 

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