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Ottilia
Zwar
hatte schon Kaiser Konstantin vorgezeigt, wie sich
das Christentum bzw. seine Organisation einerseits als politisches Instrument
einsetzen ließ, und wie andererseits ein neuer Heiligenkult
als Ersatz für alte „Götzenanbetung”
dienen kann. Doch erst zur Zeit der fränkischen Merowinger
kam es dazu, dass diese – zumeist erfundenen – Ersatzgötzen
nicht mehr „Allgemeingut” waren, sondern zu allererst ZeugInnen
für die besondere „Heiligkeit” feudaler Adelsfamilien.
An Stelle der alten Märtyrer traten neue Familienheilige
auf, mit denen „die Edlen” nun ihre Stammbäume schmückten,
um sich selbst bis in den Himmel vom gewöhnlich geknechteten Volk
zu erhöhen und als (schein-) heilig zu entrücken!
Nun tritt der Legende nach endlich Athichs Wandlung ein - auch wenn er später im Fegefeuer schmoren muss, aus dem ihn aber Ottilia prompt errettet! (Siehe Bild oben) Der geläuterte Herzog, den die Historiker mit Eticho ansprechen, okkupiert dafür altes heiliges Gut und lässt der wundersam heilbringenden Tochter auf dem nahen Hohenberg - dessen alter Name seine Heiligkeit verrät (Hohe war der „heidnische” Sammelbegriff für Heilige, Göttliche) - schließlich ein Kloster bauen, dessen Äbtissin natürlich nur Ottilia werden kann, nach der später auch der Heilige Berg (von den Kelten einst mit einer Mauer befestigt) den heutigen Namen Odilienberg (Mont-Sainte-Odile) erhielt.
Doch
damit nicht genug. Die offensichtlich schon länger halbheilige
Äbtissin und neue Bergherrin gründet am Fuße des nun
ihr „gehörenden” seit dem Neolithikum heiligsten Berges
des Elsass über einem zugehörigen keltischen Quellheiligtum
gleich noch ein zweites Kloster: „Niedermünster
mit Spital und heilkräftiger Quelle, dessen Platz
ihr der hl. Johannes d. T. in einer Vision gezeigt hatte.” Und
die adelige Mademoiselle ist schon zu Lebzeiten so heilig, dass sie
auch ihren jungfräulichen Nonnen stilgerecht beibringt, wie man
Leben spendet, indem frau Tote zu neuem Leben erweckt. Eine gute Investition
in Heiligen-Power, die schließlich auch ihrem eigenen Abgang den
letzten Schliff geben sollte.
Auf gut Wienerisch war es damit „A schene Leich”! Doch leider ist bei dieser Geschichte alles geklaut: vom Heiligen Berg der Kelten, deren über 10 km lange „Heiden-Mauer” seit dreitausend Jahren den Gipfelbereich umzieht, über die diversen okkupierten Heiligen Quellen der Inspiration, die wie üblich zu Augenbründl banalisiert wurden, bis hin zum letzten Ritual, das so ähnlich dort schon von den keltischen DruidInnen inszeniert worden sein dürfte. Schließlich wird sogar noch die weit ältere Lucia schamlos geplündert, bis hin zum makabren Attribut der präsentierten Augäpfel. Und als letzte dreiste Draufgab sitzt die merowingische „Familienheilige” zuletzt sogar auf dem alten Festtag der „getauften” Lichtgöttin Lucia, dem 13. Dezember, der vor der Gregorianischen Kalenderreform ganz und gar nicht zufällig mit der Wintersonnenwende identisch war!
© Georg Rohrecker Update: 12.04.2009
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