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Ottilia
Lucien-Plagiat und Lichtgöttin der Elsässer – 13. Dezember

Ottilia rettet ihren Vater
Spätgot. Tafelbild
Meister von Laufen

Stiftskirche Laufen
 

Zwar hatte schon Kaiser Konstantin vorgezeigt, wie sich das Christentum bzw. seine Organisation einerseits als politisches Instrument einsetzen ließ, und wie andererseits ein neuer Heiligenkult als Ersatz für alte „Götzenanbetung” dienen kann. Doch erst zur Zeit der fränkischen Merowinger kam es dazu, dass diese – zumeist erfundenen – Ersatzgötzen nicht mehr „Allgemeingut” waren, sondern zu allererst ZeugInnen für die besondere „Heiligkeit” feudaler Adelsfamilien. An Stelle der alten Märtyrer traten neue Familienheilige auf, mit denen „die Edlen” nun ihre Stammbäume schmückten, um sich selbst bis in den Himmel vom gewöhnlich geknechteten Volk zu erhöhen und als (schein-) heilig zu entrücken!

So einer Ausgeburt der neuen Götzenverehrung mittels scheinheiliger Feudalherren-Erhöhung ist z.B. Ottilia/Odilia, welche die merowingische Familie des burgundisch-elsässischen Dux Eticho im frühen Mittelalter skrupellos einsetzte, um sie einen Heiligen Berg der Kelten und dessen uralten Kultplatz zur Ehre ihrer Familie okkupieren zu lassen - und im selben Aufwasch auch noch die Stelle einer ehemaligen „heidnischen” Göttin einzunehmen.

Die obligate Heiligen-Geschichte war mit den einschlägigen Versatzstücken für Ottilia schnell zusammengereimt und lautet so:

Im 7. nachristlichen Jahrhundert lebte in Obernai im heutigen Elsass ein mero-wingischer Herzog Athich/Eticho, der sich einen Sohn als Stammhalter wünscht. Seine Frau Berswinda gebiert aber eine Tochter - und die ist blind. Des Rabenvaters Wunsch, sie zu töten, wird von Muttern verhindert, indem sie den Säugling in ein burgundisches Kloster steckt. Dort wird eine fromme Katholikin aus dem Kind, zu dessen Taufe justament der nicht gerade „um´s Eck” amtierende Bischof aus dem bajuwarischen Regensburg anreist. Es ist der legendäre Erhard, der solche Wundertaten brauchen kann, um selbst zum Heiligen zu werden.

Erhards Tauferei führt prompt dazu, dass Klein-Ottilie endlich sehend wird. Ihr Bruder – also hat der alte Griesgram Athich, auf welche Weise immer, doch noch einen Stammhalter erlangt! – holt Schwesterchen nach Hause zurück. Wofür ihn Vater trotz aller Stammlerei prompt erschlägt. Doch die fromme Ottilia zeigt bereits erste Heiligkeit und erweckt den toten Bruder zu neuem Leben. Worauf sich der böse Vater wutentbrannt ihr zu wendet. Sie flieht jedoch und findet in eines Berges Schoß Zuflucht, während der Dux von herabfallenden Steinen fast erschlagen wird.

Vom Heiligen Berg der Kelten zum dreisten Raubgut des Herzogs
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Nun tritt der Legende nach endlich Athichs Wandlung ein - auch wenn er später im Fegefeuer schmoren muss, aus dem ihn aber Ottilia prompt errettet! (Siehe Bild oben) Der geläuterte Herzog, den die Historiker mit Eticho ansprechen, okkupiert dafür altes heiliges Gut und lässt der wundersam heilbringenden Tochter auf dem nahen Hohenberg - dessen alter Name seine Heiligkeit verrät (Hohe war der „heidnische” Sammelbegriff für Heilige, Göttliche) - schließlich ein Kloster bauen, dessen Äbtissin natürlich nur Ottilia werden kann, nach der später auch der Heilige Berg (von den Kelten einst mit einer Mauer befestigt) den heutigen Namen Odilienberg (Mont-Sainte-Odile) erhielt.


Kloster Odilienberg/Mont-Sainte-Odile bei Obernai

Doch damit nicht genug. Die offensichtlich schon länger halbheilige Äbtissin und neue Bergherrin gründet am Fuße des nun ihr „gehörenden” seit dem Neolithikum heiligsten Berges des Elsass über einem zugehörigen keltischen Quellheiligtum gleich noch ein zweites Kloster: „Niedermünster mit Spital und heilkräftiger Quelle, dessen Platz ihr der hl. Johannes d. T. in einer Vision gezeigt hatte.” Und die adelige Mademoiselle ist schon zu Lebzeiten so heilig, dass sie auch ihren jungfräulichen Nonnen stilgerecht beibringt, wie man Leben spendet, indem frau Tote zu neuem Leben erweckt. Eine gute Investition in Heiligen-Power, die schließlich auch ihrem eigenen Abgang den letzten Schliff geben sollte.

Die frommen Schwestern finden dazu als Ausgangslage im letzten Akt des legendären Ottilien-Lebens ihre Äbtissin bereits tot im Bett – oder war die Heilige nur scheintot, oder die Tote nur scheinheilig? Jedenfalls ist an dieser Stelle besondere Heilkraft gefragt! Und siehe da: Der eifrigen Nonnen inbrünstiges Gebet ruft prompt ihre Äbtissin wieder ins Leben zurück, zu ihrem krönenden letzten Auftritt! O-Ton Ottilia: „Warum beunruhigt ihr Euch? Lucia [die Licht-Heilige] war bei mir und ich sah und hörte, was man mit Augen nicht sehen, mit Ohren nicht hören ... kann” Dann ergreift sie selbst den Kelch, hebt ihn, nimmt die Kommunion und stirbt (Reclams Lexikon der Heiligen) - um prompt an deren Stelle auf Luciens Platz zu landen!

Oben und unten, hinten und vorne: Alles geklaut!
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Auf gut Wienerisch war es damit „A schene Leich”! Doch leider ist bei dieser Geschichte alles geklaut: vom Heiligen Berg der Kelten, deren über 10 km lange „Heiden-Mauer” seit dreitausend Jahren den Gipfelbereich umzieht, über die diversen okkupierten Heiligen Quellen der Inspiration, die wie üblich zu Augenbründl banalisiert wurden, bis hin zum letzten Ritual, das so ähnlich dort schon von den keltischen DruidInnen inszeniert worden sein dürfte. Schließlich wird sogar noch die weit ältere Lucia schamlos geplündert, bis hin zum makabren Attribut der präsentierten Augäpfel. Und als letzte dreiste Draufgab sitzt die merowingische „Familienheilige” zuletzt sogar auf dem alten Festtag der „getauften” Lichtgöttin Lucia, dem 13. Dezember, der vor der Gregorianischen Kalenderreform ganz und gar nicht zufällig mit der Wintersonnenwende identisch war!

Web-Tipps:
Mont-Sainte-Odile
(Kloster und Hotel)
Mur Paien (Heidenmauer-Seite)

 

  Kurzsteckbrief: Hl. Ottilia ^
Namenvarianten:   Odilia, Odilie, Dilli, Dilia, Tilla, Ude
Festtermin:   13. Dezember (zeitgleich mit Lucia)
Namensdeutung:   Besitzerin (von Fremdem besitzergreifen?)
Symbole:   Augen auf Buch, Hahn, Kelch, Äbtissin-Stab
Mythol. Funktion:   Patronin des Elsass und der Blinden
Parallelen zu:   Lucia, Salaberga
Zugeh. Bethe(n):   Wilbeth/Katharina
Verehrungsorte:   Odilienberg (Elsass), Arlesheim, Freiburg, Salzburg, Straßburg
Alpine Verbreitg.:   Ende des 15. Jh

>Buchtipps:     ^
  Lore Kufner
Getaufte Götter

Heilige zwischen Mythos und Legende
München (J. Pfeiffer) 1992
 
       
  Erni Kutter
Der Kult der Drei Jungfrauen

Eine Kraftquelle weiblicher Spiritualität neu entdeckt
Norderstedt (Books on Demand) 2003
 
       
  Nicole Hammer
Die Klostergründungen der Etichonen im Elsass

Marburg (Tectum) 2003
 

© Georg Rohrecker

Update: 12.04.2009

 

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