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(Oberösterreich - Salzkammergut)
Der Reichtum aus dem Höllengebirge
Der Jäger und seine Frau
Sonderlich anheimelnd
klingt er aufs erste Hinhören ja nicht gerade, der Name jenes Gebirgsstockes,
der sich im Oberösterreichischen Teil des Salzkammergutes zwischen
Attersee und Traunsee erhebt. Vielleicht
steigt unseren Lesern sogar ein leichter Hauch von Schwefel in die Nase.
Doch hüten wir uns vor solchen Reflexen. Bevor uns das Christentum
den Krampus und seine fürchterliche Grillstation
bescherte, in der wir angeblich landen, wenn wir zu sehr sündigen,
bevor den potenziellen Sündern im finstersten Mittelalter endlich
diese katholische Rute ins Fenster gestellt werden konnte, wurde in
und unter unserer zauberhaften Bergwelt alles andere als ewige Verdammnis
geboten, nämlich das genaue Gegenteil, ein Leben in ewigem
Überfluss. Aus jener vorchristlichen Zeit, als unterirdische
Reiche noch keine andressierte Angst hervorriefen, sondern höchstens
blühende Phantasie, handelt auch die folgende Sage, die uns indirekt
die eigentliche Bedeutung des Namens Höllengebirge
erhellt.
Es war also einmal, zu einer Zeit, als das Schießpulver noch lange
nicht erfunden war, da trug es sich nahe Ebensee an
der Ostflanke des sagenumwobenen Bergmassives zu, dass ein Jäger
von der Kohlstatt am Anstieg zum Höllengebirge aus mit Pfeil und
Bogen den Himmel stürmenden Adler verfolgte. Während
sich der gejagte König der Lüfte die Thermik des schönen
Tages zunutze machen konnte und auf seinen mächtigen Schwingen
höher und höher schraubte bis er über den Kranabeth Sattel
hinaus glitt, merkte der Jäger seinerseits leider nicht, daß
er allmählich selbst zum Gehetzten wurde. Das Wetter begann heftig
umzuschlagen und der übereifrige Mann war bald von dunklen und
nasskalten Wolken umgeben. So verlor er im aufkommenden Unwetter prompt
die Orientierung. Er verirrte sich im Großen Totengraben
bis er zu seinem Glück doch noch Unterschlupf in einer Höhle
fand.
Wie groß war aber das Erstaunen des Jägers, als er die schützende
Höhle bewohnt fand, und ihn ein Zwerg begrüßte,
der eine brennende Kerze in seiner rechten Hand hielt. Der sonderbare
Hausherr bat seinen unfreiwilligen Gast höflich, ihm einen Schlüssel
von einer Felskante zu reichen, zu der er selbst nicht gelangen konnte.
Der Mann ertastete wirklich einen metallenen Gegenstand, bückte
sich und überreichte ihn dem kleinen Bittsteller. War ihm auch
die erhoffte Beute entflogen, so sollte der Mann nun doch nicht mit
leeren Händen nach Hause gehen. Als Dank für die kleine Mühe
erhielt der Jäger vom Zwerg einen funkelnden Kristall
samt Gebrauchsanweisung: „Von nun an wirst Du auf alle Fragen
eine Antwort wissen, dein Geldbeutel wird nie leer sein, und der Kristall
wird dir auch zeigen, was unter der Erde verborgen ist. Hüte dich
jedoch davor, einem Menschen zu verraten, wer dir den Edelstein gegeben
hat!"
Der Jäger versprach’s und stieg, nachdem sich das Unwetter
verzogen hatte, wieder vom Berg hinunter und wurde bald ein reicher
und weiser Mann. Doch seine Weisheit hatte leider noch
typisch männliche Lücken, und so ehelichte er eine habgierige
Frau, die ein goldenes Schloss bauen und arme Bittsteller abweisen
ließ. Weil die Liebe nach verbreiteter Meinung blind macht, sah
der ehemalige Jäger in seiner Naivität natürlich nichts
von alledem. Bis er sich schließlich sogar soweit vergaß,
seiner nicht nur hab- sondern auch neugierigen Frau zu erzählen,
auf welche vertrauliche Weise er einst vom Zwerg seinen edlen Zauberstein
erhalten hatte.
Mehr brauchte es nicht! Der Kristall rollte in eine Spalte im Boden,
und sogleich erhob sich furchtbares Grollen. Felsblöcke begruben
das Schloss und erschlugen die Frau. Der Mann konnte sich zwar retten,
doch war er von nun an wieder ein gewöhnlicher Jäger. Viele
Menschen begaben sich daraufhin auf die Suche nach dem Kristall.
Die Zwerge hatten ihn aber in drei Teile gespalten:
Wer den ersten Teil fand, wurde ein kluger Mensch, wer den zweiten eroberte,
wurde reich, wer den dritten ertastete, konnte tief in die Geheimnisse
der Erde und des Totenreiches sehen. Die Zwerge hatten nämlich
erkannt, daß der menschliche Geist nicht groß genug für
alle drei Gaben zugleich ist.
| Als
die „Hölle” noch ein Paradies war |
|
Wie
einst dem Jäger vom Höllengebirge aufziehende
Wolken die Sicht vernebelten, so verdeckt uns die überkommene moralisierende
Variante den eigentlichen Kern der alten Andersweltsage. Wir lassen
uns aber nach vielen „geknackten” Keltensagen nicht mehr
so leicht in die Irre führen. Hat doch der Hausmeister oder Portier
der Unterwelt des Höllengebirges mit dem Kristall für den
Jäger tatsächlich Schlüssel gegen Schlüssel
getauscht. Die drei Aspekte des Wundersteines sind im Zusammenhang mit
seiner Herkunft aus dem Schoße der Bergmutter, der späteren
Dreifachen Muttergöttin bzw. der Bethen-Trinität
leicht zu enträtseln.
Der erste Aspekt des sagenhaften Steines der Weisheit bzw. des Hellsehens,
erleuchtet uns die Wurzel der „Hölle”
der Kelten. Ihre Anderswelt war hell erleuchtet. Ein
Ort des Lichtes und ein heiliger Ort. Ein Ort, der den Menschen ihr
Schicksal erhellen konnte, das darin gleich den Fäden der DNA-Struktur
angelegt war. Die weis(s)en Frauen Wilbeth oder Katharina,
der entsprechende Part der Frauentrinität, haben als Attribut noch
das zugehörige Sonnen- und Spinnrad.
Der zweite bzw. Hauptaspekt, die unendliche Fülle und Fruchtbarkeit
von Mutter Erde, wurde zur Zeit der Kelten zwar noch nicht in Geld gemessen,
doch der „Beutel” war – wie der Kessel
und die Urne - ein eindeutiges Symbol für die
Quelle allen Lebens, für den großen Unterschied der Frau
zum Mann, dem die Römer zu dem noch heute gebräuchlichen Namen
Uterus verhalfen, der entgegen der deutschen Gebärmutter
ein Maskulinum ist - Mutter Natur hielt diese im wahrsten Sinne des
Wortes unnatürliche Vermännlichung jedoch leicht aus.
Der Bauch von Mutter Erde, ihr „Uterus”, birgt allen nur
vorstellbaren Reichtum vom Wasser über das Salz bis hin zu Eisen
und Gold und zu den Schätzen einer überquellenden Vegetation.
Aus ihrem fruchtbaren Schoß sahen die Kelten jährlich neues
Leben hervortreten und heranwachsen. Grund genug, in dieser Geborgenheit
auch ihre Anderswelt anzusiedeln,
wo ihre Seelen in einem Hort der Fülle sorglos und behütet
„überwintern” und ihrer Wiedergeburt harren konnten.
Das führt uns auch zum dritten Aspekt, zu Mutter Erde als
Heilerin und Hehlerin. In der Geborgenheit ihres Schoßes
verbargen sich nicht nur jene Schätze, die wie Gold,
Eisen und Salz, den Kelten heilige
Substanzen waren, sondern auch die vorübergehend abgeschiedenen
Seelen der Verstorbenen. Bergmutter Borbeths (Barbaras)
helle Anderswelt stand daher bei unseren Ahnen für Licht, Fruchtbarkeit
und Heil zugleich. Es war kein Ort des Schreckens und auch kein banales,
finsteres „Totenreich”, sondern ein leuchtendes Paradies.
Die Vertreibung aus diesem Paradies verdankten die
Menschen, entgegen der mit „christlicher Moral” gewendeten
Sage, sicher keinen habgierigen, keinen neugierigen oder lüsternen
Frauen - ja nicht einmal der Einfalt zu reich beschenkter Männer,
die das Hervorheben ihres kleinen Unterschiedes unter dem Bauch immerhin
mit verringerter Blutzufuhr im Kopf bezahlen müssen! Bei den Kelten
war der menschliche Geist durchaus noch groß genug für alle
drei Gaben der Dreifaltigen Muttergöttin.
Die Vertreibung aus dem Paradies ging in den Ostalpen erst einher mit
der Verdrängung der Mythen unserer Ahnen durch
die römisch-katholische Staatsreligion. Da wurde dann aus der keltischen
Anderswelt unter anderem ein Totenreich im Höllengebirge.
Doch wenn wir die überkommenen Sagen richtig deuten, können
wir immer noch wahre Schätze aus dem Schoße keltischer Kultur
bergen. Nicht zufällig kommt unser Wort Berg von gebären!
Was nun das perverse Frauenbild der erzählten Sage betrifft, so
wollen wir es wieder in die Norddeutsche Tiefebene
zurück schicken, wo es vielleicht herkommt. Jedenfalls hängt
es schon an dem von den Gebrüdern Grimm überlieferten
„Fischer un syner Fru” (Frau) Ilsebill, die zum Kummer ihres
Mannes („Mine Frau, de Ilsebill, will nich so, as ick wol will.”)
sogar Papst werden will und wird. Nur als sie zuletzt „wie der
liebe Gott Sonne und Mond aufgehen lassen” möchte, da spielt
der gutmütige Butt - ein verwunschener Prinz in
platter Fischgestalt - nicht mehr mit, der sonst ihrem Mann zuliebe
alle Wünsche erfüllt hatte. Ein von einer Frau dominierter
Himmel, das konnte wohl nicht „nordisch” sein. So landete
die Ilsebill samt Fischermann wieder im pommerschen „Pisspott”
an den Gestaden der Ostsee.
Wir lassen von Fischern, Fischen und Frauen der Ostseestrände und
blicken noch einmal zum Traunsee und zum Höllengebirge
der Ostalpen, wo einst ein Adler dem Jäger auf die Sprünge
geholfen hatte, bevor er ihm über dem Kranabeth
Sattel entglitt. Der Adler und der Sattel enthalten noch eine wichtige
Spur. Wer allerdings mundartlich versiert Kranabeth mit Kranawitten,
dem Wacholder, gleichsetzen will, greift damit ums A... zu kurz. Wir
haben dennoch den richtigen Schlüssel. Es geht nämlich bei
Kranabeth ebenfalls um einen Vogel, um ein gefiedertes
Symboltier der „Drei Ewigen”, der Bethen,
der Dreifachen Muttergöttin der Kelten.
Wieder einmal können wir sagen: „Ist nicht schwer!”
Der Bethen-Vogel ist der Kranich -
übrigens bis China und Japan ein Symbol der Unsterblichkeit.
Kranich und Adler, die beiden Vögel sind tatsächlich Zentralschlüssel
zum Höllengebirge. Bei unseren keltischen Ahnen war der
Kranich das Symboltier der Muttergöttin Rigani
und der himmelstürmende Adler das entsprechende
Symboltier ihres alten Heros Taranis, des großen
Donnerers und Wettermachers - da passt auch der Totengraben dazu, der
nicht vom Tod sondern von Teutates
seinen Namen hat. Die mythologischen Drei erhellen uns deutlich, wessen
Reich das Höllengebirge zur Zeit der Kelten war.
Doch das ist noch nicht alles! Als der Adler des Taranis dem Jäger
entschwindet, ist dessen Verlust nicht sonderlich groß. Mutter
Erde rettet ihn nicht nur vor dem Unwetter, dem Zorn ihres
Gatten, indem sie ihm Schutz und Zuflucht in ihrem dunklen Schoß
gewährt. Weil er den Schlüssel zum Bethenkranichsattel erlangen
kann, lässt Muttergöttin Rigani den keltischen Weidmann schließlich
durch einen Abgesandten ihres Heros und Sohngeliebten Cernunnos,
des keltischen Plutos, Hüter der Anderswelt und ihrer unergründlichen
Schätze, an der Fülle ihres Reichtums in
allen Aspekten teilhaben.
Ja vielleicht stand der Jäger ursprünglich selbst für
Cernunnos, den Herrn der Tiere, oder aber für den jeweiligen Keltenhäuptling
vom Südufer des Traunsees, der dann auf dem Höllengebirge
seine rituelle Initiation (Einweihung in das Geheimnis
des Mythos und in die eigene sakrale Funktion) erfuhr, die eventuell
sogar ein Mann mit Kapuze, ein Druide leitete. Vielleicht waren die
„Einweiherinnen” an diesem Ort jedoch Druidinnen,
sakrale Töchter der Dreifachen Mutter, die ganz sicher nicht erst
vom Jäger die Geheimnisse vom Schoß der Ur-Mutter erfahren
mußten.
Die Verdrehung der Frauenrolle in obiger Sage stellt wohl die ursprüngliche
Botschaft auf den Kopf und ist sicher ein typisches Produkt späterer
patriarchalischer Zeit. Der Schoß des Höllengebirges
barg einst - aller späteren Moralisiererei zum Trotz - jenes helle
Paradies, das die Kelten im Schoß ihrer Großen
Mutter vermuteten. Von so einem, zugleich unter- und überirdischen,
Paradies erzählt übrigens in „germanischem” Kleid
auch Frau Holle(!), deren
märchenhafte Geschichte treffenderweise überhaupt noch ohne
Männer auskommt.
Quelle: Sepp
Aitenbichler, Sagen aus dem Salzkammergut, Bad Ischl 1999.
©
Georg Rohrecker
Update:
22.01.2008
