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aus Salzburg > Der Riese Abfalter
(Stadt Salzburg)
Der Riese Abfalter
Der Steinewerfer und die Jungfrau
mit der vollen Schürze
Während
so noble Herren wie Karl der Große oder Kaiserkollege
Friedrich, der Rot-Bart (Barbarossa) tief im Salzburger
Untersberg lustwandeln
oder schlafend harren - wie ihresgleichen im gerade 477 Meter hohen
Kyffhäuser im „neuen” deutschen Bundesland
Thüringen - bis endlich ihr weltbewegender großer Auftritt
zum „letzten Gefecht” angesagt ist (vgl. die div. Anderswelt-Sagen),
soll der Riese Abfalter
einer gewesen sein, der schon für eine klagende Jungfrau vom Salzburger
Wunderberg herunterstieg, um dieser gutmütig und dienstbeflissen
- wie weiland Christophorus
gegenüber dem Jesusknäblein - über die damals noch ungezähmte
Salzach zu helfen. So eine Geschichte kommt uns gerade recht für
unsere eigene Annäherung an die keltische Welt und ihre „Schöpfungs-Geschichte”.
Unser Abfalter war der Sage nach einer der größten
Riesen, die damals am Untersberg hausten. Am Rücken
des Berges kann man heute noch einen tiefen Felsengraben sehen, der
ihm als Lager diente. Da saß der riesengroße Abfalter oben,
langweilte sich, bohrte vielleicht in der Nase und sann auf Zeitvertreib.
Zu seiner Kurzweil warf er von Zeit zu Zeit mächtige Steine
in das Tal. Diese Tätigkeit richtete sich aber nicht gegen die
kleinen Menschen unten an der Salzach. Nein, sie kam
ihnen sogar zugute. Es geschah nämlich, daß sich aus Abfalters
großen Steinen allmählich ganze Hügel bildeten, auf
und an welchen Ortschaften entstanden. Auf diese Weise soll er mit seinen
Steinen eine Art „Schöpfer” oder „Gründervater”
der Dörfer Gois, Wals und Liefering
geworden sein.
Blick
über die Salzach auf Untersberg und Watzmann, Salzburg
Museum
Da ihn die Steinewerferei jedoch nicht wirklich ausfüllen konnte,
pflegte der Riese oft Ausflüge in die Umgebung zu unternehmen.
Bei solch einer Tour geschah es schließlich, was zum Kern unserer
- auf's erste Hinsehen unspektakulären Sage - geriet: Auf einer
seiner Wanderungen begegnete Abfalter einst einer Riesen-Jungfrau,
die vergeblich über die Salzach zu gelangen suchte. Sie war vom
Abersee gekommen und hatte sich ihre Schürze
mit Steinen gefüllt, die sie als Trittsteine bei ihrem
Übergang über die Salzach benützen wollte.
Die Jungfrau vom Abersee war aber nicht der Hellsten eine. Ohne daß
sie es gewahr wurde, bekam die Schürze nämlich schon zu Beginn
ihrer Reise ein Loch, durch das ihr nach und nach alle Steine entfielen.
Vielleicht war es dann auf der Höhe von Aigen, wo es heute noch
den Flurnamen Abfalter gibt, nach dem auch Schule und
Kindergarten benannt sind, da sie ihr Missgeschick endlich - aber viel
zu spät - bemerkte. So stand sie hilflos und klagend am Ufer der
Salzach, als sie Abfalter traf.
Doch halt! Hier ist die Stelle, um die Devise des britischen Hochedlen
Ordens vom Hosenbande einzuwerfen: „Honi soit qui mal y pense!”
(Verachtet sei, wer Arges dabei denkt!) Anders als der irische Dagda,
der – wie die Keltenfreunde unter uns natürlich wissen -
Morrigain prompt bestieg, als er sie an der Furt beim
Füße waschen antraf, war unser Abfalter vom Untersberg ein
Gentleman alter Schule. Der überlegte nicht lange, hob die Jungfrau
auf und setzte mit einem Schritt über den Fluss. Drüben ließ
er sie unverletzt(!) nieder und entfernte sich, ohne erst ihren Dank
abzuwarten. – Sorry! Ende der Sage!
| Bergmutters
Pförtner ins Salzburgische Avalon |
|
Nicht
einmal eine deftige Sex-Szene, wie im irokeltischen
Pendant, wo sich Heros Dagda bei ähnlicher Gelegenheit an der Furt
mit der göttlichen Morrigain paart, mag der eifrige - Pardon, der
sachkundige - Leser zu Beginn einwerfen. Der Einwand ist aber an dieser
Stelle gar nicht berechtigt. Es geht hier nicht darum, daß ein
potenter Kraftlackl (s)eine fruchtbare Göttin „erkennt”.
Zwar ist die bekannte Kombination richtig, hinter dem sagenhaften Abfalter
den Sohngeliebten einer Muttergöttin zu vermuten.
Wir heben uns aber unsere Erkenntnis von der göttlichen „Bergmutter”
noch für später auf, und wenden uns zuerst ihrem dienstbeflissenen
Heros zu.
Der Riese Abfalter ist tatsächlich eine Art heimischer Dagda.
Doch seine Dienste zielen zu Füßen des Untersberges am Ufer
der Salzach nicht auf das Zeugen neuen Lebens ab, sondern auf das
sichere Geleit bereits bestehenden. Und dieses Geleit ist nicht
eines über irgend einen Fluss, sondern das Geleit über die
Schwelle zur Anderswelt, die hier eindeutig im Untersberg
lag (vgl. die Sage von Kaiser
Karl im Untersberg).
Bevor wir nun auf die weiteren kaum verschlüsselten Symbole unserer
Sage ein-gehen, weist uns schon der Name des gutmütigen
Riesen den richtigen Weg. Abfalter oder Apfalter
weist auf einen Baum, den Apfelbaum. An ihm und in
seinen Früchten verbirgt sich der Schlüssel zum keltischen
Kern der Sage, die Hinüberführung zum ewigen Leben.
Bäume waren unseren keltischen Vorfahren an sich schon heilig.
Mit Apfelbäumen hatte es aber bei den Kelten noch eine ganz besondere
Bewandtnis. „Der Apfelbaum war der edelste Baum von allen,
denn er war der Baum der Unsterblichkeit.” (Robert von
Ranke-Graves) Seine Früchte sind die Verkörperung der Sonne,
der Erkenntnis und des Ewigen Lebens.
Sie versinnbildlichen den Glauben an den ewigen Kreislauf des Lebens
und an die irdische Wiedergeburt. Von Herakles bis
König Arthur, alle strebten sie dem Apfelhain
in der „Anderswelt” zu, ob es sich dabei
um die Insel der Hesperiden oder Arthurs Avalon handelte
oder - fern vom Atlantik – um den Untersberg
unserer Alpen.
Die Kelten kümmerten sich jedoch nicht nur um's Geleit
in die Anderswelt. Sie hatten schon lange vor den Römern
unser Land auch mit irdischen Straßen samt Pässen, Brücken
und Furten überzogen und für deren Unterhalt gesorgt. Eine
besondere Rolle spielten dabei bis zur Römerzeit an den größeren
Kreuzungen die kleinen „Stützpunkte”
der „Eremiten”, deren Name nicht zufällig vom Gott
der Wege und des sicheren Geleits Hermes abzuleiten
ist, den Cäsar für den obersten Gott der Kelten hielt, und
der durchaus viele Gemeinsamkeiten mit Christophorus
oder eben Abfalter aufweist. Wie Christophorus den
Jesusknaben, trug vor ihm der griechische Hermes den kleinen Dionysos
(„Gottessohn"). Und als Schutzgott der diesseitigen Wege
war Hermes auch Schutzgott der nach ihm benannten und ursprünglich
mit seinem Kopf (und erigierten Phalli) geschmückten steinernen
Wegmarken an wichtigen Kreuzungen und Übergängen, der Hermen,
die bei den Kelten abseits ihrer Zivilisation eben von „Eremiten”
betreut wurden.
Zurück nun zur Sage. Aus dem ehemals Göttlichen leiten sich
nämlich auch unser Abfalter und seine steinbewehrte Jungfrau
ab. Die sagenhafte Bezeichnung „Riesen”
weist sie eindeutig als ehemalige Gottheiten aus, die
vom Christentum - aus welchen Gründen immer - über die Jahrtausende
nicht dämonisiert werden konnten und daher auf ihre Weise zumindest
groß und stark, und Göttersitzen wie dem Untersberg verbunden,
blieben. Doch während die Männer hier „Zubringerdienste”
zu leisten hatten, war die Anderswelt selbst, der paradiesische Hort
von Fruchtbarkeit und irdischer Wiedergeburt im Schoße von Mutter
Erde ursprünglich eine eindeutige Frauendomäne.
Von jahrtausendealten Hintergründen können
wir bei dieser Sage durchaus ausgehen, da gewisse Indizien den Schluß
zulassen, daß ihre Wurzeln noch weit hinter die Kelten zurück
reichen. Dies zeigt z.B. eine Gemeinsamkeit des Riesenpaares, die ursprünglich
sicher nicht zufällig herausgestellt worden ist. Beide bedienen
sich der Steine, die nicht nur die ersten Werkzeuge der Menschen waren,
sondern - gerade in der Steinzeit - auch magische Bedeutung
hatten. Ihr Umgang mit den Steinen geschieht in der überkommenen
Sage aber gegensätzlich. SIE braucht die Steine,
ist ohne Steine hilflos. ER braucht die Steine nicht
mehr, wirft sie sogar weg.
An der Beschreibung der Männer- und der Frauenrolle in der auf
zwei Personen reduzierten uralten Geschichte zeigt sich, daß sie
in ihrem Kern wahrscheinlich bereits aus jener rund vier- bis fünftausend
Jahre zurückliegenden Epoche stammt, in der nicht nur die Steinzeit
durch die Bronzezeit, sondern auch das Matriarchat
(endgültig?) durch das Patriarchat, die Männerherrschaft,
abgelöst wurde: Im Riesen Abfalter dominiert eindeutig ein „großer
Mann”, während die über die Jahrtausende zurückgedrängte
Frau als hilflos, einfältig und schwach geschildert wird.
Bei unserem ungleichen Paar ist aber letztendlich doch noch recht deutlich
sichtbar, daß hier eigentlich ein Rollentausch
stattgefunden haben muss. Macht doch die Frau nunmehr genau das, was
vorher „Männersache” war - und umgekehrt. Die Jungfrau
- vor der Christianisierung keine „virgo intacta”,
sondern lediglich eine junge „freie” Frau, die noch keinem
Ehemann „unterworfen” ist - hat auf ihrer sagenhaften Reise,
wie vor ihr immer der männliche Jahreszeiten-Heros, den Kreislauf
des Lebens durchschritten. Nicht zufällig kommt sie vom Abersee,
wo am Falkenstein schon zweitausend Jahre vor dem Hl.
Wolfgang ein großes keltisches Heiligtum (mit
steinzeitlichen Wurzeln) existierte, das - verkörpert im zentralen
Kultgegenstand des, heute von einer Kapelle umbauten, magischen „Schliefstein”
- das Wunder der Geburt zum Gegenstand hatte. (Vgl. die Sage vom Hochzeitskreuz
unter dem Falkenstein.)
Am Fuße des Untersberges endet die symbolische Reise der Frau.
Heros Abfalter hilft ihr nur noch, den Fluss „Styx”, der
hier Salzach heißt,
zu überschreiten und in die „Anderswelt”
(des Untersberges) zu gelangen, wo der Tod aus keltischer Sicht nur
ein (paradiesisch versüßter) Zwischenaufenthalt vor der nächsten
Runde „irdischen” Lebens war - ein Übergangsstadium
zwischen Leben und Leben.
Nochmals fällt eine offensichtliche Umkehrung auf: Vom Steinkultplatz
am Falkenstein über dem Abersee wissen wir, daß
sicher schon die keltischen Pilger - vermutlich schon „Ötzis”
Zeitgenossen in der Jungsteinzeit wie noch Jahrtausende später
die christlichen Wallfahrer auf dem selben Weg - Steine zu ihm hinauf
trugen, um sie zu einer stets wachsenden Riesenherme
aufzutürmen. Die Riesen-Jungfrau unserer Sage trägt nunmehr
die Steine in ihrer Schürze genau in die entgegengesetzte Richtung
- von Ost nach West (analog dem Sonnenlauf), weg vom Falkenstein und
hin zum Untersberg, weg vom Ort der (wahrscheinlich neolithischen) Geburtsmagie
hin zur (keltischen) Pforte in die Anderswelt, an deren Schwelle Abfalter,
der Riese mit dem Apfelbaum wacht, um sicheres Geleit nach „drüben”,
ins Reich der ewigen Jugend, zu gewährleisten.
Aber auch diese Begleitertätigkeit ist schließlich eine,
aus dem vom Patriarchat erzwungenen Rollentausch abgeleitete, „Amtsanmaßung”
des Abfalter. Die über-lieferte irokeltische Mythologie weist uns
die Spur zur ursprünglichen Rollenver-teilung. Dort finden wir
die Jungfrau mit der Schürze als Bergmuttergöttin
„Cailleach”, die eine wichtige Eigenschaft
unserer Salzburger Steinriesen noch für sich beansprucht: In der
inselkeltischen Überlieferung trägt das Riesenweib Cailleach
(dt. „die mit der Kapuze”) zwar auch große Steine
in der Schürze herum, doch ist sie es, welche die Steine absichtlich
in der Gegend verteilt, damit aus ihnen dann Hügel und Berge werden,
an denen die Menschen siedeln, die selbst aus den Steinen hervorgegangen
sein sollen.
Während sich bei uns der Riese Abfalter ihrer Schöpfer-Aufgaben
bemächtigen konnte, gingen die Iren poesievoller mit ihrer alten
Bergmutter um. In der irischen Literatur des 8./9. Jahrhundert wurde
so z.B. aus der Caillech von Bherri in der Grafschaft
Cork, die „Nonne von Beare”, Heldin eines
schönen Gedichtes eines katholischen Klerikers. Die Große
Bergmutter hielt beides aus, die Hilfsdienste des alpinen Kraftlackels
und die Minnedienste des schwärmerischen Mönchs. Und auch
als sich solche Typen wie Karl der Große und
Friedrich Barbarossas „ihres” Untersberges
bemächtigten, konnte das unserer heimischen „Urmutter”
nicht sonderlich viel anhaben. Blieb ihr doch noch immer eine Unzahl
anderer passender „Residenzen”, nicht zuletzt z.B. der Hohe
Göll im Süden von Salzburg, der wahrscheinlich
bis heute den Namen der „Bergmutter” trägt. Er ist
- oder war - ein Heiliger Berg, wie jener berühmte Kailas(h)
in Tibet, der uns nicht nur zum wichtigsten „Wallfahrtsort”
der Hindus und Buddhisten führt, sondern auch zu verblüffenden
sprachlichen und mythologischen Verwandtschaftsbeziehungen, auf die
wir an anderer Stelle eingehen.
In der Nähe der großen Andersweltberge gibt
es schließlich - in eindeutig untergeordneter Funktion - Flure
und kleine (Vor-) Berge, die seit keltischer Zeit den symbolisch-programmatischen
Namen Apfalter tragen!
Quellen:
- Rudolf von Freisauff, Aus Salzburgs Sagenschatz,
Salzburg 1914, Reprint: Salz-burg Archiv, Schriften des Vereines Freunde
der Salzburger Geschichte, Bd. 15, Salzburg 1993
- Josef Brettenthaler, Das große Salzburger Sagenbuch,
Krispl-Gaißau (Tennen-gauer Verlagsanstalt) 1994
- Robert von Ranke-Graves, Die Weiße Göttin,
Sprache des Mythos, Reinbek (Rowohlt) 1995 (Apfelbaum-Zitat).
| >Buchtipp: |
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Robert von Ranke-Graves
Die Weiße Göttin
Sprache des Mythos
Reinbek/Hamburg (Rowohlt) 1995 |
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©
Georg Rohrecker
Update:
04.03.2008
