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Silvester
Stierheiler und Schlangentöter – 31. Dezember

Papst Silvester I.
nimmt von Kaiser Konstantin
dessen Tiara als Würdezeichen
Maso di Banco, 1340

Santa Croce Firenze
 

Silvester ist weniger (bis gar nicht) ein Zeuge keltischer „Querverbindungen” einer heute vom Fest-Termin her exponierten Heiligengestalt, als viel mehr die fleisch-gewordene Unverfrorenheit seiner macht-, geld- und beutegierigen ehemaligen Nachfolger auf dem „katholischen” (allumfassenden - von Petrus abgeleiteten) Bischofssitz von Rom und Vorwand ihrer im Laufe der Geschichte immer unverschämteren Ansprüche.

Die Heiligkeit Silvester I., zwischen 314 und 335 frühchristlicher Bischof in Rom, hatte ursprünglich nichts mit dem Jahreswechsel zu tun. Bis ins 13. Jh. war der Termin 31.12./1.1. unter „Christen” ohnehin zutiefst als „heidnisch” verpönt. Silvester selbst war der römisch-katholischen Kirche allein deshalb „heilig”, weil sie dem – zu Lebzeiten historisch unbedeutenden – Mann andichtete, er hätte den damaligen Kaiser Konstantin dominiert, zum Christentum bekehrt und zu einer „Konstantinischen Schenkung” zu Gunsten seiner neuen „Amtskirche” bewogen, die ihm - wo auch immer in seiner großen Mörder-Laufbahn - zu siegen verhalf.

Konstantin war nicht der Erste, der die Christen als Religionsgemeinschaft aner-kannte. Das hatte Mitkaiser Maxentius schon vor ihm getan. Konstantin war aber der erste, der erkannte, wie willfährig der Klerus der neu lizensierten Religion war, einen weltlichen Herrscher im Kampf um die Alleinherrschaft „moralisch” zu unterstützen, wenn dafür umgekehrt die geistliche Alleinherrschaft herausspringen sollte. Der katholische Klerus war schon in der Frühzeit „dankbar” und bestechlich – besonders jener der „alten” Hauptstadt des Imperiums. Mussten doch in Rom die „christlichen” Funktionsträger ebenso gegen die Arroganz der eingesessenen Senats-Aristokratie antreten, wie Kaiser Konstantin, ein „dahergelaufener Parvenü”, Sohn eines ehemaligen Prätorianerpräfekten mit dessen Konkubine, einer übel beleumdeten „Schankwirtin” (stabularia) aus dem tiefsten Balkan.

Der Hl. Kaiser Konstantin machte seinem Ruf durch unheilige Praktiken auf dem Weg zu Macht und Unsterblichkeit alle Ehre, die der englisch Dichter Percy Bysshe Shelley wie folgt zusammen fasste:

„... Dieses Ungeheuer Konstantin ... Dieser kaltblütige und scheinheilige Rohling durchschnitt seinem Sohn die Kehle, erdrosselte seine Frau, ermor-dete seinen Schwiegervater und seinen Schwager und unterhielt an seinem Hof eine Clique blutdürstiger und bigotter christlicher Priester, von denen ein einziger genügt hätte, die eine Hälfte der Menschheit zur Abschlachtung der anderen aufzureizen.”

Percy Bysshe Shelley
Gemälde von Amelia Curran, 1918
National Portrait Gallery London

 

Was nun Silvester I. selbst betrifft, bekleidete der formal vom 31. Januar 314 bis zum 31. Dezember 335 das Amt eines „christlichen” Bischofs in Rom. De facto klaffen bei ihm bzw. seiner Heiligenlegende - wie in fast allen Fällen - Realität und Fiktion zu Gunsten der späteren Machtansprüche der selbst ernannten „Päpste” völlig auseinander. Was soll’s?! Für die äußere Heiligkeit hatte Silvester erst einmal Wunder zu wirken. Was bei Kaiser Karl (dem habsburgischen Kriegsverbrecher) gerechterweise nur zur Selig-Sprechung langt: Die Krampfadern einer Nonne. Das übertrumpft der spätantike Heilige Silvester locker, indem er Kaiser Konstantin vom „Aussatz” heilt und damit dem Christentum zuführt. Und um den katholischen Antisemitismus zu bedienen, übertrifft Silvester auch noch „zwölf Jüdische Meister”, von denen der letzte den Namen Gottes einem Stier (!) ins Ohr flüstert, der darauf tot umfällt.

Silvester erweckt den gefällten Stier zu neuem Leben und bemerkt zum Juden-Meister trocken: „Dein Gott kann töten, meiner aber lebendig machen!” Dass es aber auch umgekehrt geht, beweist der omnipotente Bischof („Papst” war noch nicht eingeführt!) schließlich, indem er „seine” Metropole Rom von einem Drachen - vulgo Lindwurm - befreit, der die Hauptstadt des Römischen Imperiums mit seinem Gifthauch terrorisiert hatte.

Für das Heil der römisch-katholischen Kirche schuf sich die selbe (vermutlich im 8. oder 9. Jahrhundert) dem Silvester zugeschriebene, plump und dreist gefälschte Urkunden. So insbesondere die „Dokumente” für die erfundene „Konstantinische Schenkung”, nach der Kaiser Konstantin dem Silvester und seinen Nachfolgern die Oberherrschaft über Rom, Italien und überhaupt die West-Hälfte des Römi-schen Reiches geschenkt hätte. Deshalb sei Konstantin der Große auch nach Byzanz/Konstantinopel ausgewichen, um dem wahrhaft „Größeren” Platz zu machen, und dem Hl. Silvester die alte Hauptstadt Rom zu überlassen.

„Kronzeuge” für röm.-katholische Dominanz & Vorherrschaft
 ^

In Silvesters Heiligenlegende finden wir - wie so oft bei herbeigedichteter Heiligkeit - sowohl „verschlüsselte” als auch plump „erstunken und erlogene” Bestandteile. In der Regel vermittelt erstere Versatzstücke alter Mythen, während letztere von absolutem Machtanspruch und purer materieller Gier bestimmt sind. Bei Silvester ist die Entschlüsselung relativ leicht. Die Symbole Schlange und Stier entstammen den vorchristlichen Mythen bzw. sind Metaphern für Religionen, die bis zur Privilegierung und Monopolisierung des Christentums mit diesem in scharfer Konkurrenz standen. Das betrifft sowohl das Judentum, an dem die katholische Amtskirche klassischen „Vatermord” betrieb, wie den patriarchalen Mithras-Kult und ehemals matriarchale Frauenkulte um Große Muttergöttinnen.

Was die Schlange betrifft, von deren Gifthauch Silvester „seine” Metropole Rom endlich befreit, ist dahinter unschwer das ursprüngliche Symbol der ägyptischen, griechischen, römischen, keltischen Ur-Muttergöttinnen zu erkennen und der Machtanspruch der römisch-katholischen Kirche gegen deren Kulte. Beim Stier können wir davon ausgehen, dass es sich bei ihm um eine zentrale Symbolik der konkurrierenden - bei Römischen Soldaten äußerst beliebten - „Erlösungsreligion” des Mithras-Kultes handelt, der ob seiner Beliebtheit auch den „Jüdischen Meistern” ein Dorn im Auge gewesen sein mag.

Dass dabei im legendären Silvester nach der Devise „Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde!” der Antisemitismus so weit führt, dass sich der katholische Heilige gegen die Juden auf die Seite des Stieres schlägt, ist eine eigene Pikanterie. (Wobei es auch das Gerücht gibt, Silvester habe zur Sicherheit auch heidnische Götter hoch leben lassen!) - Es sei denn, hinter der Stier-Geschichte steckte die Botschaft: Silvester konterkariere das Werk des Mithras, der zur Erlösung der Menschheit den Ur-Stier seines Mythos tötet! Auf Mithras Platz setzten die Christen schließlich (bis hin zum Termin) ihren eigenen Gottessohn!

Was die angebliche Schenkung (der Herrschaft über große Teile des Römischen Reiches - bis hin zur Unterwerfung des Kaisers) durch Konstantin I. an Silvester und seine Nachfolger betrifft (Donatio Constantini ad Silvestrem I papam), heiligte offensichtlich der realpolitische Zweck die verbrecherischen Mittel! Die dreiste Urkundenfälschung diente ab dem 8. Jh. als wesentlicher Beweis der Überlegenheit der Bischöfe/Päpste von Rom über den Rest der Christenheit bzw. die Welt überhaupt. Erst 2006 nahm Benedikt XVI. zurück, einen licensierten und verbindlichen Vorrang gegenüber den christlichen Patriarchaten des Ostens (Alexandria, Antiochia, Jerusalem, Konstantinopel) zu besitzen.


  Kurzsteckbrief: Hl. Silvester ^
Namenvarianten:   Fester, Silvestro, Süster, Sylvester, Vester
Festtermin:   31. Dezember
Namensdeutung:   Waldmann, Waldbewohner
Symbole:   Schlange, Lindwurm, Stier, Muschel, Tiara
Mythol. Funktion:   Viehpatron, Erntepatron (Polit. Funktion: Falscher Kronzeuge für die Unterordnung des Kaisers unter den Papst)
Parallelen zu:   Belenus, Cernunnos, Dagda, Eustachius
Zugeh. Bethe(n):   Ambeth/Margaretha
Verehrungsorte:   Blaubeuren, Kanfanar/Istrien, Rom
Alpine Verbreitg.:   Ende des 14. Jh.

>Buchtipp:     ^
Georg Rohrecker, Kelten - Götter - Heilige   Georg Rohrecker
Kelten - Götter - Heilige

Mythologie der Ostalpen
Wien (Pichler) 2007 - Erscheint im September
 

© Georg Rohrecker

Update: 28.12.2008

 

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