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(Oberösterreich - Salzkammergut)
Die Strahlenstiege im Mondsee
Ein seltsames Wintermärchen

Sage einer, wir Österreicher seien „ausländerfeindlich”. Ein Blick auf die Nationalität der Anrainer unserer schönsten Seeufer belehrt ihn schnell eines besseren. Ja selbst wenn sich ein (ehemaliger) heimischer Landwirtschaftsminister (der das Zeug zum Finanzminister hatte) zu unsäglichen Vergleichen versteigt und angesichts der Fülle unseres frischen Wassers von phantastischen Geschäften träumte und sich diesbezüglich bereits als eine Art „Scheich” fühlte, im gleichen Atemzug aber pflichtschuldigst einschränkte, sich natürlich nie so „benehmen” zu wollen wie „diese”. Selbst „Diese” sind an den Gestaden unserer Heimat recht gerne gesehen - so z.B. gerade auch am Mondsee, wo sich der Sage nach schon früher gewisse exotische Herrscher ansiedelten und auf ihre Art vergnügten.


Mondsee mit Schafberg (li) und Drachenwand (re), www.mondsee.at

Lange vor der Zeit, in der feixende Kleine Prinzen aus hinteren Rängen mit schmalen Lippen, faulen Tricks und anrüchigen „Partnern” Herrschaft ermogeln und zugehörige Stimmungs-Kanonen in Ministerrängen andere als die Lachmuskeln der Untertanen strapazieren konnten, erhob sich einst am Ufer des genannten Mondsees ein Schloss, in dem ein weiser und gerechter König regierte. Seine einzige Tochter, die wegen ihres Anmuts und Liebreizes alle ehrten, wollte er nur mit dem getreuesten und tapfersten Freier verehelichen. In jener Zeit also, als der Wendehals noch ein – zumindest unseren keltischen Ahnen - heiliger Orakel-Vogel war, übertrat ein furchterregender Riese als Anwärter auf Prinzessin und Thron die Grenze des Reiches.

Schon das mascherl- und krawattenlose Outfit des Eindringlings war degoutant. Mit so einem „Naturburschen” hätte sich schon damals niemand auf dem Opernball sehen lassen wollen. Er war in zottige Felle gehüllt, hatte struppiges Haar und einen zerzausten Bart. Sein Atem wehte ihm so kalt voran, dass die Blätter im Schneesturm von den Bäumen gerissen wurden und alles Leben in Eis erstarrte. Nicht minder ehrgeizig aber weit kräftiger als manch Kleinwüchsiger trat dieser ungerufene Kerl vor die Burg. Mit seiner Keule schlug er das Tor ein, trat vor den König und begehrte die Tochter als seine Frau – und mit ihr die Herrschaft über das Land.

Zwar kam es zu einer spontanen Demonstration, bei der die getreuen und todesmutigen Untertanen ablehnend mit ihren Schwertern an die Schilde klopften. Worüber aber der Widerling nur höhnisch grinste. Im Bewusstsein seiner Macht gewährte er dem König eine Frist bis drei Tage nach dem Vollmond, verließ die Burg, blies Frost und Reif übers Land und warf ein weißes Laken über den Schafberg. Darin rollte er sich ein, schaute lauernd auf das Königsschloss und erwartete ungeduldig den nächsten Vollmond.


Schnee und Reif am Schafberg über dem Mondsee

Trotz Schnee auf dem Schafberg oben, war unten am Mondsee Feuer am Dach. Hilfe suchend begab sich der König ins Turmgemach zu seiner Mutter. Zur Mitternacht leuchtete das fahle Vollmondlicht durch das Steinfenster der Drachenwand kreisrund auf den Boden. Der ratsuchende König war an der richtigen Stelle und doch wieder nicht. Mutter nahm aus einer Schale Buchenstäbchen, warf sie und las:

Vollmondschein
Über Stock und Stein,
Über Bergeshöh´,
Über tiefem See;
Deine schimmernden Fäden zur Erde rinnen.
Deine schimmernden Fäden das Schicksal spinnen!
Im tiefen See
Liegen Glück und Weh.
Und Weh und Glück
Kehren einst zurück,
Wenn des Vollmonds Strahlen zur Tiefe dringen
Und die Wellen zur Antwort rauschen und singen!

Für den dritten Tage nach Vollmond hatte der verzweifelte König zwar die Abwehr organisiert. Doch der nun wieder vom Schafberg heruntersteigende Unhold schleuderte aus den Wolken mit wildem Gebrüll Todeskälte, so dass jeder Widerstand erstarb. Zuletzt schlug er den König mit seiner Keule nieder. Der jugendliche Bannerträger des Königreiches schützte den König mit dem Schild, hob ihn aufs Pferde und eilte mit ihm und dem Banner gegen Süden.

War es Aufregung oder Feigheit, wir wollen es an dieser Stelle nicht bewerten. Aber die tapfere Männerbande hatte sich zwar samt König und Banner aus dem Staube gemacht. Zurück gelassen wurden jedoch - zu deren staunendem Entsetzen - Frauen und Kinder, dem kalten Rüpel hilflos ausgeliefert. So drang der Riese nach der Heldenflucht ungehindert in die Königshalle ein und verschlang bei seinem Siegesmahl zuerst gleich alle Vorräte. Derart gestärkt kündigte er darauf an, dass er nach ausgiebigem Schlaf heiraten wolle. Die Prinzessin lief, von Grauen und Angst getrieben, hinaus auf den dafür immer vorgesehenen Söller.

Während sich der siegestrunkene Riese seinerseits gehörig voll fraß, hatte der gute Mond zwar schon drei Tage abgenommen, doch jetzt war eindeutig seine Zeit. In dieser Notlage der Prinzessin sandte er seine Strahlen, auf dass sie eine silberne Stiege in den See bildeten. Die Jungfrau stieg darauf hinunter und setzte sich am Grund des Sees auf einen zierlichen Thron, gerade so, als hätte sie dies schon immer getan.


Mondsee-PR-Prinzessin © premiere-stars.de
 
Der übertölpelte Riese reagierte bei seinem Erwachen wie gewohnt cool und überzog die See-Oberfläche mit einer Eisdecke, um die begehrte, schöne Braut wenigstens in aller Frische gefangen zu halten. Im eisklaren Wasserpalast musste sich die Schöne warm anziehen und besang dabei wehmütig den Mond, der sie – im Gegensatz zu den mit ihrem Banner Richtung Sonne entflohenen Männern - nicht verlassen würde.

In südlichen Landen beauftragte derweilen der sterbende König seinen Bannerträger, das geknechtete Heimatland aus den Fesseln des Riesen zu lösen. Der vom Banner- zum königlichen Befehlsträger geadelte Held ritt darauf heim ins winterliche Mondseeland. Dort endlich angekommen ließ er sich erst einmal im Schloss ein wärmendes Kaminfeuer entfachen, und ging hernach daran, mit Hilfe der Bauern landauf und landab Holzstöße auf Anhöhen und Berggipfeln aufzuschlichten. Dem Gelassenheit demonstrierenden und dabei unentwegt grinsenden Riesen redete er mühelos ein, die Höhenfeuer würden gut sein, die Prinzessin, die quasi im „gläsernen Container” saß, auch bei Nacht zu beobachten.

Während sich darauf der Riese, der die Geschichte am Schafberg auszusitzen gedachte, oben sein eigenes Lichtlein aufsteckte, eilte der Bannerträger mit einem Scheit und entzündete alle Höhenfeuer rundum. Da verließ den eitlen Okkupanten doch sein süffisantes Grinsen, denn mit einem Male war die Klammer des Frostes gelöst, und der Schnee begann zu schmelzen. Schließlich barst auch die Eisdecke des Sees und der überlistete Riese zog sich verbittert in eine finstere Felsspalte zurück. Der Mond machte wieder seine Strahlenstiege und der Bannerträger ließ sein Banner endlich einmal am Ufer stehen und ruderte auf den See hinaus, um die Prinzessin dort am oberen Ende der Strahlenstiege abzuholen.

Am folgenden Morgen zeigte sich nach vielen dunklen Tagen die wärmende Sonne zum ersten Mal wieder, und der Bannerträger ritt gemeinsam mit der Prinzessin auf einem ungesattelten Pferd über die grünenden Fluren. Zwar sprang nun der Riese aus dem Schatten des Waldes. Als aber der Jüngling das Banner schwang, welches das junge Paar offensichtlich auf seinem Ritt begleitet hatte, wehte lauer Wind von den Bergen und der einst mächtige Riese zerschmolz wie ein kleiner Schneemann in Wasser, das die keimende Saat tränkte.

Nun war es endlich soweit. Der Bannerträger wurde vom Volk zum neuen König ausgerufen und die Prinzessin nach der Vermählung mit ihm zur neuen Königin. Sie regierten weise und gerecht zum Segen aller Bewohner. Und wenn sie nicht gestorben sind, ...

Keltische „Auferstehung”
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Die schwülstige Fassade dieser sehr „frei” nacherzählten Sagenversion kann uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass hinter der Geschichte vom „Kampf des Frühling gegen den Winter” noch eine ganze Menge an keltischen Glaubensvorstellungen und Kultpraktiken steckt. Gerade auch die gewählten Orte der Handlung sprechen dafür. Unter der „Drachenwand” am Westufer des Mondsees hatten sich spätestens seit der Bronzezeit (ca. 2500 – 1250 v. Chr.), wenn nicht bereits seit der Jungsteinzeit (ab ca. 5000 v. Chr.), die Pilger aus Ost, West und Nord gesammelt, bevor sie sich endlich zum Falkenstein am Fuße des Schafberges aufmachten. Dort befand sich schon damals ein überregionaler Anziehungspunkt für den Kult um eine Große Muttergöttin. In der Sage vom Hochzeitskreuz bei St. Gilgen begegnen wir den zugehörigen Kelten-Events ebenso, wie hier am Mondsee. Das Thema des Kultes war die Heilige Hochzeit der Muttergöttin mit ihrem Jahreszeitenheros und Sohngeliebten, mit der die Kelten ihren Frühlingsbeginn markierten.

Während beim Falkenstein am benachbarten Abersee die göttliche Komponente im Vordergrund stand, geht es am Ufer des Mondsees um die „irdischen” Parallelen bis hin zum König, dem irdischen Vertreter des Muttergöttin-Heros, der anläßlich der himmlischen „Wachablöse” ebenfalls Platz für den Jüngeren machen muss. Ein Vorgang, den die Kelten gemäß dem Vorbild der Natur ursprünglich wirklich jährlich vollzogen. Wobei in der vorliegenden Sagenversion der Zusammenhang insofern schon arg entstellt ist, als in der „Wirklichkeit” des keltischen Mythos die ewig junge Göttinnen-Braut sich ihren Heros selbst erwählt, selbst bestimmt, wem sie nun – anstelle des alten „Vorjahreskönigs” - ihre Gunst und damit die Herrschaft über das Land gewährt.


Die griech. Mondgöttin Selene wählt sich Endymion und macht ihn zum 50fachen Vater, Nicolas Poussin, 1630, IoA Detroit

Auch sonst sind in der mehrfach patriarchalisch gewendeten Sage - gar nicht anders als z.B. in der an allen „höheren” Schulen gelehrten Griechischen Mythologie - manche Aspekte schon kräftig Richtung Patriarchat verdreht. Nicht verdreht ist der starke Bezug der weiblichen Akteurinnen zum Mond, den sie „besingen”. Kein Wunder, sind doch Tochter und Mutter des Königs nur eine Person, unterschiedliche Aspekte der Dreifachen Fruchtbarkeits- und Muttergöttin, die ursprünglich von Kreta bis Ägypten, von Irland bis Kleinasien insbesondere auch als Mond- und Wassergöttin verehrt wurde. Sein Name weist den Mondsee - von wegen Man(n)see - als den mit ihrem Kult verbundenen Frauen-See aus.

Der Wasser- oder Glaspalast im See, in dem die ewig junge und begehrte Göttin wie selbstverständlich den Herrscherinnenthron einnimmt, spiegelt den Kern des Glaubens vom ewigen Kreislauf des Lebens. Er ist der Schoß von Urmutter Erde, ein Bild für die „Anderswelt”, die neben und in unserer sichtbaren Welt existiert und ihrem holden mütterlichen Schutz untersteht. (Vgl. Teufels Großmutter in der Donau) Damit ist dort der geeignete Zufluchtsort für die Seelen der Verstorbenen, wo sie sich in einer Art paradiesischem Kuraufenthalt für die irdische Wiedergeburt rüsten können, eine Wiedergeburt, wie sie die in der Sage agierenden Männerrollen vorführen.

Betrachten wir aber zuerst den Heros der Muttergöttin. Im Gegensatz zu ihr ist er „sterblich” und erleidet im Jahreszyklus immer wieder seinen Tod, um dann in der Anderswelt in ihrem Namen zu residieren. Im Wilden Mann der Sage haben wir natürlich - von der Keule bis zum Riesenappetit auf Essen und auf Sex - schon längst den alten Dagda erkannt (vgl. die Salzburger Sage vom Wilden-Mann-Brunnen), der hier nur noch als todbringender „Wintergeist” auftreten darf. - Die „authentische” Wintergestalt des bereits differenzierten Anderswelt-Heros der Dreifachen Muttergöttin, der gehörnte Cernunnos, tritt in unserer Sage vielleicht auch deshalb nicht auf, weil sie unter Umständen älter ist als er selbst und in die Bronze- oder gar in die Steinzeit zurückreicht. Die Lage auf dem prähistorischen Pilgerweg zum Falkenstein-Heiligtum spräche dafür.


Muttergöttinnen-Heros, Andersweltfürst und Herr der Tiere Cernunnos auf dem Kessel von Gundestrup

Mit dem Beginn des Frühlings (bei den Kelten in der Nacht zum 1. Februar = Imbolc) verwandelt die himmlische Braut und Muttergöttin Rigani - gleich der „Prinzessin” der Sage - ihren Anderswelt-Heros Cernunnos, den sie seit der „Nacht der Mütter” zur Zeit der Wintersonnenwende gesucht hat, in seine Sommergestalt Esus, dem sie per Heiliger Hochzeit zu seiner „Wiedergeburt” verhilft. Interpretieren wir auch die Sage in ihrem ursprünglichen Sinne so, dass nicht die Prinzessin nach dem Ritt mit ihrem heroischen „Bannerträger” zur Königin wird, sondern umgekehrt er sein König-Sein wie sein „Banner” allein ihrer Gunst verdankt. Der alte König, der nicht in der Lage war, das Orakel zu entschlüsseln, hat seine Schuldigkeit getan, er ist bereits zu Winterbeginn (bei den Kelten in der Nacht zum 1. November = Samhain) in der Versenkung bzw. ins „Exil” verschwunden.


Johannisfeuer in der Buckligen Welt
www.mostschank.at
 
Was die erwähnten Höhenfeuer be-trifft, haben auch sie ihre Entsprechung im Kult unserer keltischen Ahnen. Ihre Zeit war aber Ende April (Beltene). In der Nacht zum 1. Mai feierten unsere „heidnischen” Vorfahren mit ausge-lassenen Feuerbräuchen ihren Licht-Heros Belenus. Der in den Schoß von Mutter Erde gepflanzte phallische Maibaum geht ebenso auf entsprechende vorchristliche Bräuche zurück, wie die „getauften” Johannis-Feuer, die der katholischen Kirche früher so wenig geheuer waren, dass in dieser Nacht zur Dämonenabwehr durchgehend die Kirchenglocken geläutet werden mußten.

Die Nacht zum 1. Mai (Beltene) war, wie die zum 1. November (Samhain), bei den Kelten jene (glücksbringende!) Zeit, in der die Türen der Anderswelt offen standen und die verstorbenen Seelen zu Besuch kamen, um mit den lebenden Verwandten mitzufeiern, bevor sie sich wieder in ihr paradiesisches Wellness-Center „Zur Anderen Welt” zurückzogen. - Das wäre nun allerdings wirklich eine Ironie der Geschichte, wenn die den Hungersnöten fliehenden irischen Auswanderer in die „Neue Welt”, diese mit der „Anderen Welt” ihrer keltischen Ahnen gleich gesetzt hätten. In den Alpen wurde die Idee von der paradiesischen Anderswelt jedenfalls im Laufe der Geschichte so erfolgreich entstellt, dass diese selbst in den schönsten Gegenden von einem Ort sagenhafter Sehnsucht und Lust, zu einer unbequemen bis abschreckenden Welt unheimlicher Geister geriet.


Quelle:
Sepp Aitenbichler, Sagen aus dem Salzkammergut, Bad Ischl (Wimmer) 1999.

Link-Tipp: Schafberg


© Georg Rohrecker

Update: 02.02.2008