Statistics

Die Kelten Österreichs Druiden - Wilde Frauen - Andersweltfürsten ErlebnisWandern Tennengau Georg Rohrecker ErlebnisWandern Rund um Salzburg
 
Keltenerbe in den
Heiligengestalten
- Auswahl -
 
 

Home > Kelten-Erbe > Heiligengestalten > Heiligengestalten V > Vitus

Vitus
Vitaler Licht-, Fruchtbarkeits- & Heilerpatron – 15. Juni

Vitus im Kessel
(mit Modestus & Crescentia)
Relief von der Innenseite des
spätgot. Flügelaltars (c. 1480) der

Pfarrkirche St. Vitus, Salzburg-Morzg
 

Nach seiner frommen Legende soll Vitus ein gebürtiger Sizilianer sein, geboren in Mazzarrà in der heutigen Provinz Messina, oder in Mazzarino in der Provinz Caltanissetta, oder noch besser in Mazara del Vallo in der Provinz Trapani. An der dritten Adresse soll Vitus auch nach Märtyrerart hingerichtet worden sein, womit sich dort der Kreis schlösse. Die Verwirrung um den Geburtsort teilt der Nothelfer der Sterbenden natürlich mit vielen unhistorischen Heiligen. Solche Orte haben aber eine symbolische Funktion, und bei Vitus, dem Landespatron von Sizilien, Sachsen und Böhmen, scheint es inbesondere um Wachstum und Licht zu gehen. Sonnenlicht gibt es jedenfalls genug in den drei genannten Orten - und im dritten auch noch massenhaft mythologisches Dekor.

Doch bevor wir den San-Vito-Code entschlüsseln, erzählen wir zuerst die fromme Legende des Veit, die uns ohnehin Stück für Stück des Rätsels Lösung liefert! Vitus soll also, nehmen wir an in Mazara del Vallo, als Sohn eines römischen Senators geboren worden sein. Um die Erziehung des Jünglings kümmerte sich ein gewisser Modestus, unterstützt von Vitus Amme Crescentia (Kreszentia). Was der viel beschäftigte Papa Senator jedoch nicht mitbekommt: Seine iloyalen Angestellten nutzen die Gelegenheit, den Senatorensohn vom Staatskult zu entfremden und aus ihm einen „Christen” zu machen.

Aber einmal dämmert es selbst dem gestresstesten staatstreuen Politmanager, was sein pubertierender Sohn so treibt! Oh Schreck lass nach! Der entsetzte Vater greift zuerst auf die altbewährten Erziehungsmittel des Patriarchats zurück und schlägt den pubertierenden Junior. Doch damit erreicht er natürlich nur Trotz und Widerstand. Nun schleppt der zürnende Senator seinen Filius vors zuständige Gericht. Und auch der Richter läßt Vitus schlagen. Doch statt den Jungen zur (Staats-) Räson zu bringen, verdorren den Schlägern die gegen den angehenden Märtyrer erhobenen Arme. Das ist nun umgekehrt die Stunde des Veit: Er betet großzügig für die Gelähmten. Und im Handumdrehen sind sie alle wieder geheilt.

Vater ändert nun die Taktik zur Bekehrung seines Sprösslings. Er schließt Vitus mit einer Schar schöner Tänzerinnen ein, auf dass sie ihn bei Musik und Tanz verführen! Doch dem besonnenen Jungen ist nicht nach Orgie, und als der listige Papa durchs Schlüsselloch späht, sieht er seinen missratenen Sohn von sieben Engeln umgeben und wird blind. Er bleibt es selbst dann noch, als er feierlich gelobt hat, einen Stier mit goldenen Hörnern im Jupiter-Tempel zu opfern. Erst ein neuerliches Gebet seines Christen-Sohnes gibt ihm das Augenlicht zurück.

Der Senator will nun zum letzten Mittel greifen und beschließt, sein Problem mittels Mord zu lösen. Doch einer der im antiken Sizilien offenbar in Schwärmen auftretenden Engel mischt sich prompt ein und warnt Jung Vitus, der auf den himmlischen Tipp hinauf mit Modestus und Crescentia per Schiff nach Lukanien (die heutige italienische Region Basilikata) entflieht. Dort im Exil, an einem Ort (locus) namens Alectoris (Steinhuhn), werden die drei von einem Adler ernährt, der ihnen täglich frisches Brot bringt. Umgekehrt tut sich der fromme Vitus in der Gegend so lange als Wunderheiler hervor, bis die Kunde davon bis zu Kaiser Diokletian nach Rom dringt, der zu seinem Leidwesen einen besessenen Sohn sein Eigen nennt.

Vom Wunderheiler zum zähen Märtyrer
 ^

Großzügig wie immer heilt der herbeigerufene Vitus natürlich auch den Sohn des Kaisers von dessen Krankheit, doch die eigene Neigung zur christlichen Er-lösungsreligion will er sich danach auch von Diokletian nicht nehmen lassen. Was dazu führt, dass er, statt weiter das Brot seines lukanischen Adlers genießen zu können, mit Lehrer und Amme auf römische Gefängniskost und Marter-Programm gesetzt wird. Wie der Käse zwischen zwei Scheiben Toastbrot, sollen die drei Christen nun zwischen schweren Eisenplatten erdrückt werden. Doch der Schutzengel bringt Licht in den Kerker und die Platten bleiben auch physikalisch wirkungslos.

 

Nach dem misslungenen Platten-Toast-Versuch sollen die zähen Sizilianer endlich frittiert werden. Wozu man das Trio in einen Kessel mit siedendem Öl steckt. Statt aber knusprig braun ihr Leben zu beschließen, entsteigen die gefeiten Märtyrer dem Topf als wäre nichts geschehen! Da wird es Zeit für die obligate Arena, wo aber der sonst hungrige Löwe zum Missfallen des Publikums dankend auf Frit-tier-Fast-Food verzichtet, sich den drei Heiligen wie ein Lämmchen zu Füßen legt und sie für eine kleine Geschmacksprobe lediglich abschleckt.

Abb. links: Modestus, Vitus und Crescentia im heißen Kessel

Da die grausame Fantasie katholischer Legendenschreiber entsprechend der sie umgebenden Realität allerdings schier unerschöpflich war, geht die Gruselgeschichte natürlich noch munter weiter: Modestus und Vitus landen auf der Folterbank und sollen mit Haken zerfleischt werden. Doch prompt schlägt ein himmlischer Blitz in Folterbank und Marterwerkzeug. Ja ein ganzes Erdbeben hebt an, läßt die Tempel einstürzen und neben den Folterknechten mit den herabfallenden Trümmern auch das entsetzt fliehende Volk, Männer, Frauen, Kinder erschlagen!

Weil sie sich nach diesem publikumswirksamen Auftritt samt „christlichem” Massen-mord einen Platz in der Schar der himmlischen Heiligen verdient haben, werden Vitus, Modestus und Crescentia von einem Schwarm Rettungsengel losge-bunden und an ein Flussufer gebettet, wo sie sanft entschlafen und ihre Seelen gen Himmel flattern. Ein weniger flatterhafte Adler bewacht in der Zwischenzeit die sterblichen Reste der neuen Heiligen, bis die übliche „fromme” Witwe, hier Florentia genannt, sie en passant findet und bestattet. (Vom Massengrab der Erdbebenopfer wird in der Legende nichts weiter berichtet - Den Haag gabs ja auch noch nicht!)

Ein Jahrtausend später ist Veits Totenruhe allerdings beendet. Seine angeblichen Gebeine, die 583 in Lukanien gefunden worden sein sollen, werden im Jahr 775 in die Kathedrale von St. Denis, die Krönungs- und Grabesstätte der fränkischen Könige und angebliche Grabstätte des Dionysius nahe Paris, verfrachtet. Hundert Jahre später gehts zur Unterstützung der blutigen Sachsen-Mission im Dienste des großen Kriegsverbrechers Karl ostwärts in die Abtei und christliche Glaubensbastion Corvey (Höxter) an der Weser. Im 10. Jh. gelangt ein Arm und im 14. Jh. schließlich Vitus Kopf nach Prag, wo die Reste des Nothelfers - über einem ehemals bedeutenden keltischen Kult-Zentrum - die Glaubensbasis für den Veits-Dom bilden. - Für einen Brauer-Patron kein schlechter Platz!

Das Geheimnis des San-Vito-Codes
 ^

Nun aber zur Decodierung des San Vito und seiner Geschichte, die wir - außerhalb keltischen Territoriums, aber innerhalb auffälliger mythologischer Parallelen - in Sizilien beginnen. Die Stadt Mazara del Vallo, dessen Patron San Vito bis heute ist, wurde in der Mitte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts als Hafen der grie-chischen Kolonie Selinus (heute Selinunte) ausgebaut. Selinus selbst war in der Antike ein bedeutender Mittelpunkt für die Verehrung der dreifaltigen Erd-, Mutter- und Frauengöttin Demeter Malophoros (= die [Granat-] Apfel-Tragende - zur Symbolik vgl. Apfel), die fruchtbare Korn- und Obstmutter des ältesten mediterranen Mysterienkultes - und für ihre Schwester Hera.


Tempel in Selinus (Selinunte, Prov. Trapani), Bild: © artchive.com

Da war unser Vitus goldrichtig. Das (vom Prinzip her offene) Geheimnis des Demeter-Kultes ist der Kreislauf des Ewigen Lebens und der nährenden Vegetation in der unendlich wiederholten Reihenfolge Geburt-Tod-Wieder-Geburt. In Mazara del Vallo bzw. oben in Selinus, der Stadt mit den rund 20 frauendominierten Tempeln, wurde das Jahr für Jahr in einer rituellen Initiation mit sieben Stufen vorgeführt. Im Mittelpunkt des Mythos stand der Schoß von Mutter Erde (=De-meter), der das Abgestorbene birgt, die Seelen heilt und sie zu neuer Blüte, zu neuem irdischen Leben entlässt.

Die Geschichte des Vitus ist voll von Anspielungen darauf. Er ist ein vortreff-liches Bindeglied zwischen den matriarchalen Mythen des Mittelmeerraums und den religiösen Vorstellungen der Kelten von Irland über Böhmen bis Kleinasien. Er ist offensichtlich der Botschafter und Initiand (Eingeweihte) des matriarchalen Mythos vom ewigen fruchtbaren Leben, der im Mittelmeerraum ähnlich ausgeprägt war wie in den Alpen - und es schließlich erleichterte, den Sizilianer zu einem der beliebtesten ostalpinen
Nothelfer zu machen, während seine legendäre Amme und Begleiterin Kreszentia (Zenzi) Namenspatronin zig-tausender Mädchen des bäuerlichen Alpenraums wurde.

Blicken wir gleich der ersten Tatsache ins göttliche Auge: Crescentia, die Wach-sende, die schon dem Säugling Vitus ihre prallen, Nahrung und Leben spendenden, Brüste darbot und ihm bis zum Tod nicht von der Seite weicht, ist Ceres, Göttin der Nahrungspflanzen, der Ehe, des Todes und der Wiedergeburt, die plebeische römische Version der griechischen Demeter, an deren sizilianischem Haupt-Kultplatz die Legende unseren vitalen Vitus geboren werden lässt.

Der blasse Modestus ist lediglich die Personifikation von (lat.) modestus: be-sonnen, maßvoll. Während die ausgelassenen Tänzerinnen ganz klar zum Demeter-Mythos gehören, dem wir den vom Christentum desavouierten Begriff Orgie verdanken, der ursprünglich eine heilige Handlung bezeichnete: Was im Demeter-Hymnus als orgia benannt wird, hängt unmittelbar mit ergon, dt. Werk, zusammen und es geht um heiliges Tun! Zu diesem Tun gehörten insbesondere die sieben Initiations-Stufen der
Großen Mysterien, zu deren Höhepunkt insbesondere der - erotisch aufgeladene - rituelle Tanz zählte.

Zur Zeit der Verbreitung des Vitus in den Ostalpen (14./15. Jh.) waren solche Tänze auch Bestandteile der ausgelassenen Feiern zur
Sonnenwende, die wegen der Ungenauigkeit des Julianischen Kalenders schon Mitte Juni stattfanden. Daher auch der Reim beim Feuerholzsammeln: Der heilige Veitl tat bittn um a Scheitl! (Vitus bittet um ein Holz-Scheit - für das rituelle Feuer!)

 

Der alectoris locus in Lukanien, lässt eigentlich keinen (römischen) Adler zu. Wörtlich steckt das bis in die Alpen verbreitete Steinhuhn (Alectoris graeca) dahinter, das interessanterweise im Frühjahr gleich zwei Nester belegt, von denen eins die Henne, das andere der Hahn bebrütet - bis Mitte Juni die Küken schlüpfen. Der Geburtstermin weist auf den Fest-Termin des Vitus (15. Juni) hin, die Anspielung auf Geflügel auf seine Rolle als Geflügel-Patron. Und vermutlich wurden nicht nur der griechischen De-meter Steinhühner geopfert, sondern anläßlich der (bis ins 20. Jh. weit verbreiteten) Hühneropfer auch den keltischen Bethen der Ostalpen.

Abb. li: Steinhuhnpaar aus einem Lehrbuch des 19. Jh.

Das wunderbar eingeflogene Brot für Vitus und Co. kommt natürlich von der Korn- und Brot-Göttin Demeter oder Ceres selbst, mythologische Schwestern der ostalpinen Notburga, der Corona und der Kümmernis. Der Veitstanz wiederum ist die christliche Herabwürdigung der rituellen Fruchtbarkeitstänze, eine Art katho-lischer Gottesstrafe dafür! Was den Kessel betrifft, ist die Sache klar: Es ist der Kessel der Fülle und des ewigen Lebens, die Vulva und der Bauch der Urmutter, die griechische Unter-, die keltische Anderswelt, die kein Gefängnis ist, sondern der reiche und wohltuende Ort der Ruhe und Heilung bis zur (irdischen) Wiedergeburt. An dieser Stelle ist Vitus eine mythologische Alternative für den keltischen Cer-nunnos - und es wundert uns nicht mehr, warum der angebliche Sizilianer in den Glauben der Ostälpler und der Boier-Nachfahren in Tschechien integriert werden konnte.


  Kurzsteckbrief: Hl. Vitus ^
Namenvarianten:   Veit, Veltel, Vito, Vit, Gay, Gui, Guido
Festtermin:   15. Juni (16. Mai, 14. Nov.)
Namensdeutung:   Der Willige (wahrscheinlich der Vitale, der Lebenswillige)
Symbole:   Hahn, Adler, Löwe, Stier, Kessel
Mythol. Funktion:   Alter Patron der Sommer-Sonnenwende, Wetter-Patron, Nothelfer der Sterbenden, Bettnässer, Epileptiker, Patron der TänzerInnen
Paralellen zu:   Belenus, Dagda, Lug, Erasmus, Cyriakus, Valentin
Zugeh. Bethe(n):   Borbeth/Barbara, Wilbeth/Katharina
Verehrungsorte:   Corvey, Paris, Prag, Salzburg-Morzg, div. St.Veit, San Vito usw.
Alpine Einführg.:   Ende des 14. Jh. > Nothelfer

> Buchtipps:     ^
  Marion Giebel
Das Geheimnis der Mysterien

Antike Kulte in Griechenland, Rom und Ägypten
Düsseldorf (Patmos) 2003
 
       
Georg Rohrecker, Kelten - Götter - Heilige   Georg Rohrecker
Kelten - Götter - Heilige

Mythologie der Ostalpen
Wien (Pichler) 2007
 

© Georg Rohrecker

Update: 15.05.2009